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Wissenschaftliches Schreiben in die Lehre integrieren

Kurzinfos_ZiLL_2014-22_Academic Writing Aus der Reihe: Schriften zur Hochschuldidaktik. Beiträge und Empfehlungen des Fortbildungszentrums Hochschullehre der Friedrich-­Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Ursula Wingate1, Nick Andon1, Alessia Cogo2

1Department of Education and Professional Studies, King´s College London, UK

2Department of English, University of Surrey, Guildford, Surrey, UK

Quelle

Wingate, U., Andon, N., & Cogo, A. (2011). Embedding academic writing instruction into subject teaching: A case study. Active Learning in Higher Education, 12(1), 69-81.

Problembeschreibung / Zieldefinition

Wissenschaftliches Schreiben ist fächerübergreifend eine wichtige Voraussetzung für akademischen Erfolg. Dennoch wird das wissenschaftliche Schreiben an Hochschulen oftmals nur am Rande gelehrt und tritt hinter die Förderung des Erwerbs fachspezifischer Kompetenzen zurück.

In der Hochschuldidaktik wird mittlerweile jedoch vermehrt betont, dass die Lehrenden in den verschiedenen Fächern sich auch darum bemühen sollten, den Erwerb von Kompetenzen des wissenschaftlichen Schreibens bei ihren Studierenden zu fördern. Dies sei gegenüber separaten, fachübergreifenden Kursen zu wissenschaftlichem Schreiben zu bevorzugen, da die Lehrenden die Praktiken und Konventionen in ihrem Fach am besten kennen. Sie können den Studierenden somit einen tieferen Einblick geben, was erfolgreiches wissenschaftliches Schreiben in ihrem spezifischen Fach auszeichnet.

Welche Aspekte umfasst die Kompetenz zum wissenschaftlichen Schreiben? Was also müssen Studierende können, um erfolgreich wissenschaftlich zu schreiben?

Wichtig ist hier zum einen das Verständnis dafür, dass die Wissenschaft in einen Diskurs eingebettet ist, der fachspezifische Regeln und Konventionen vorgibt. Zum anderen ist ebenfalls das Wissen darüber wichtig, was eine gelungene Argumentation in einer wissenschaftlichen Arbeit ausmacht. Auch die Auswahl angemessener Literatur, das richtige Zitieren und Sensibilität für Plagiarismus sind wichtige Aspekte des wissenschaftlichen Schreibens.

Herangehensweise / Lösungsansatz

Anstatt auf separate, von der jeweils studierten Disziplin losgelöste Kurse zu setzen, wird die hier vorgestellte Methode zur Förderung der Kompetenzen wissenschaftlichen Schreibens in klassische, zum regulären Fachstudium gehörige Seminare integriert.

In der vorliegenden Kurzinformation wird dies anhand eines Beispiels für Erstsemester-Studierende in der angewandten Linguistik dargestellt. Dieses Beispiel lässt sich jedoch in ganz ähnlicher Form auch auf andere Fächer übertragen.

Hierzu wird vorgeschlagen, dass die in Abbildung 1 dargestellten Bausteine miteinander kombiniert werden.

Abbildung22

Abbildung 1: Bausteine zur in die Lehre integrierten Förderung wissenschaftlichen Schreibens

Im Einzelnen stellt sich die Integration der fünf Bausteine in die Lehre folgendermaßen dar:

Schreibaufgaben zum Reader

In der ersten Sitzung erhalten die Studierenden einen Reader mit Texten zu jeder Sitzung der Lehrveranstaltung.

Die zu lesenden Texte werden von Aufgaben begleitet, die von den Studierenden beispielsweise verlangen, die Hauptpunkte des Textes zu erkennen, mögliche Widersprüche zu identifizieren sowie sinnvolle Mitschriften der Lehrveranstaltung zu erstellen.

Um sicher zu gehen, dass die Studierenden die Aufgaben im Reader auch durchführen, sollen sie ihre Ergebnisse entweder auf eine virtuelle Diskussionsplattform hochladen oder in der Lehrveranstaltung selbst im Plenum präsentieren.

Zusammenfassungen zu Gruppendiskussionen

Die letzten 10 bis 30 Minuten jeder Sitzung der Lehrveranstaltung werden für eine Gruppendiskussion reserviert, bei der die Studierenden den Inhalt der Sitzung kritisch hinterfragen und mögliche Probleme identifizieren sollen. Zusätzlich sollen die Studierenden die Ergebnisse der Diskussionen schriftlich zusammenfassen.

Essays zu ausgewählten Lehreinheiten

In der fünften, siebten und zwölften Woche des Semesters schreiben die Studierenden einen Essay über den Inhalt der jeweils aktuellen Sitzung, wobei die Essays vom Umfang und der Komplexität zunehmen (erster Essay: 1500 Wörter).

Präsentationen zum wissenschaftlichen Schreiben durch die Lehrperson

Die Lehrenden bringen zu einigen Sitzungen der Lehrveranstaltung wissenschaftliche Texte zum Thema der Lehrveranstaltung mit, anhand derer die Studierenden die Merkmale argumentativen Schreibens kennenlernen sollen, etwa den Aufbau einer Argumentation.

Zusätzlich werden Sitzungen der Lehrveranstaltung reserviert, um Themen wie wissenschaftliches Zitieren, Beurteilungskriterien recherchierter Literatur und die Problematik von Plagiaten zu thematisieren. Eine vollständige Sitzung wird für das korrekte Zitieren verwendet.

Feedback durch die Lehrperson

Auf alle Schreibprodukte erhalten die Studierenden kontinuierliches Feedback durch die Lehrperson. Dieses bezieht sich zum Beispiel auf Mängel beim Zitieren oder auf unwissenschaftlichen Schreibstil.

Für die Schreibaufgaben zum Reader und die Zusammenfassungen zu den Gruppendiskussionen gibt die Lehrperson individuelles Feedback oder kommentiert einzelne Texte in der Lehrveranstaltung und kann so Probleme beim wissenschaftlichen Schreiben frühzeitig ansprechen.

Zu den Essays erhalten die Studierenden Feedback sowohl in schriftlicher Form als auch durch ein Abschlussgespräch mit der Lehrperson.

Aufwand

Mehraufwand für die Lehrenden entsteht vor allem durch das Vorbereiten der Aufgaben im Reader, die die Studierenden zu Hause bearbeiten sollen, und durch das Bereitstellen von Feedback.

Während die Erstellung der Aufgaben noch in den Rahmen einer normalen Vorlesungsvorbereitung fällt, wurde der Mehraufwand durch das Feedback von den Lehrenden als sehr hoch eingestuft.

Art der Evaluation, Erfolgsfaktoren und Resultate

Der Erfolg der hier vorgestellten Methode wurde qualitativ und quantitativ überprüft:

Qualitativ wurden sowohl die Studierenden als auch die Lehrenden zu ihrer Einschätzung der Methode befragt. Lehrende begrüßten vor allem den Umstand, dass die Studierenden kursrelevante Informationen bereits zu Hause im Reader lesen mussten, weil so Zeit für weiterführende Diskussionen in den Sitzungen geschaffen wurde.

Ebenso stellten die Lehrenden fest, dass sie durch die Anleitung der Studierenden zum wissenschaftlichen Schreiben angeregt wurden, ihr eigenes implizites Wissen über die Konventionen ihres Fachs explizit zu machen und zu reflektieren.

Eher negativ bewertet wurde der zeitliche Aufwand, der durch das Feedback an die Studierenden entstand.

Eine quantitative Fragebogenstudie mit ergänzenden qualitativen Interviews ergab, dass 41 von 49 Studierenden die Methode als nützlich oder sehr nützlich einstuften, besonders da die Studierenden durch die Thematisierung des wissenschaftlichen Schreibens und die damit verbundenen Aufgaben erfuhren, was wissenschaftliches Schreiben kennzeichnet und welche Anforderungen in diesem Zusammenhang zu erfüllen sind.

Die Bausteine zur Förderung der Schreibkompetenz wurden größtenteils positiv bewertet. Einzige Ausnahmen sind hier die Gruppendiskussionen in der Lehrveranstaltung, deren Nützlichkeit angezweifelt wurde, und der Teil des Feedbacks, den die Lehrenden auf die hochgeladenen Texte gaben. Hier bemängelten die Studierenden insbesondere, dass sie nicht auf alle Texte Feeback erhalten hatten.

Die quantitative Evaluation der Schreibförderung bestand aus einem Vergleich der studentischen Texte am Ende des Semesters mit einem früher eingereichten Text. Ein größerer Teil der Studierenden erzielte bereits von Beginn des Semesters an gute bis sehr gute Leistungen. Von daher kann es als Erfolg gewertet werden, wenn 24% aller Studierenden sich nach der Anwendung der Methode beim wissenschaftlichen Schreiben stark verbessern konnten, indem sie das Feedback in der Lehrveranstaltung beherzigten. Nur 15% der Studierenden zeigten keinerlei Fortschritte, was zum Teil auf deren mangelnde Motivation oder Unzufriedenheit mit der Fachwahl im Allgemeinen zurückzuführen war.

Empfehlungen

Wenn die Methode eingesetzt wird, ist besonderer Wert auf ausführliches und qualifiziertes Feedback zu legen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Studierenden sich ernstgenommen fühlen und einen Kompetenzzuwachs im Bereich des wissenschaftlichen Schreibens erreichen.

Da es jedoch für die Lehrenden – wie bereits erwähnt – angesichts des damit verbundenen Aufwands kaum umsetzbar ist, jedem Studierenden auf jeden eingereichten Text Feedback zu geben, ist hier eine Modifikation der Methode ratsam. Eine Maßnahme zur Abhilfe könnte beispielsweise darin bestehen, dass die Texte der Studierenden durch KommilitonInnen bewertet werden (sogenanntes peer assessment). Beachtet werden muss jedoch, dass viele Studierende sich nicht kompetent genug fühlen, ihre KommilitonInnen zu bewerten, weshalb eine ausführliche Besprechung dieser Methode sowie eine Korrekturhilfe in Form eines Erwartungshorizonts notwendig sind.

Noch sinnvoller wäre möglicherweise der von den Autoren vorgeschlagene Einsatz speziell geschulter studentischer TutorInnen.

Verallgemeinerbarkeit

Da wissenschaftliches Schreiben für alle universitären Fächer von zentraler Bedeutung ist, ist die Integration der Förderung wissenschaftlicher Schreibkompetenzen auch in allen Fächern sinnvoll. Dies sollte jedoch fachspezifisch geschehen, da das Thema zwar fächerübergreifend relevant ist, sich aber gleichzeitig jedes Fach durch eigene Methoden und Konventionen auszeichnet.