Links zu weiteren Portalen

Seiteninterne Suche

FBZHL aktuell

Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen.

Rezensent: Dirk Jahn, FBZHL

Originalliteratur: Hofstetter, Yvonne: Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen. München (Bertelsmann Verlag ) 2014, ISBN 978-3570102169 , 352 Seiten, EUR 19,99.

Quelle der Rezension: Wilbers, K. (Hrsg.): Handbuch E-Learning. www.personalwirtschaft.de/elearning

Digitale Medien und intelligente Geräte machen das Leben augenscheinlich bequemer, genussvoller oder effizienter. Gleichzeitig aber vermessen und durchleuchten sie ihre Anwender mit Technologien, die im Hintergrund arbeiten und dabei Daten sammeln, auswerten, aufbereiten usw. Die Rede ist von „Big Data“. Datenlieferanten sind unter anderem neben den geliebten mobilen Endgeräten und deren Apps mittlerweile auch elektronische „Helfer“ aus dem Alltag wie z. B. kluge Thermostate, smarte Fernseher oder intelligente Vital-Armbänder. Sie zeichnen auf, was ihre Nutzer „liken“, was sie im Netz suchen oder kaufen, auf welchen Webseiten sie sich gerne aufhalten, wo und wie sie wohnen, wie gut sie schlafen, wie sportlich fit oder wie finanziell liquide sie sind.

Sie wissen alles heißt das zu besprechende Buch von Yvonne Hofstetter, einer erfahrenen Expertin im Bereich des Dataminings und des maschinellen Lernens. Es geht in dem Werk um die Potentiale der Big Data Technologien und deren Risiken für den Einzelnen und die Gesellschaft. Die Lektüre soll zum Nachdenken anregen, das Bewusstsein für die Gefahren der Technologien schärfen, aber auch ein positives Mensch-Maschine-Verhältnis anstoßen. In diesem letzten Punkt richtet sich das Buch auch an alle pädagogisch Arbeitenden, denn die Förderung von Medienkompetenz beinhaltet immer auch, den kritischen Umgang mit Technik und Medien zu erlernen.

Eingangs veranschaulicht die Autorin die Entstehungsgeschichte und den Vormarsch von Big Data anhand von Beispielen wie etwa dem Freund-Feind-Erkennungssystem im Luftraum. Sie erläutert das Betriebsgeheimnis dieser Systeme, indem sie z. B. die Funktionsweise von Algorithmen erklärt, mithilfe derer große Datenmengen analysiert und darauf gründend Prognosen oder gar Entscheidungen getroffen werden. Deutlich wird dabei, dass längst nicht mehr Menschen benötigt werden, um derartige komplexe Entscheidungen zu treffen. Programme schreiben ihre eigenen Programme zur Lösung von Problemen fort. Sie lernen dazu. Dass die entworfenen Modelle und die Software dabei an Grenzen kommen können, wird in den späteren Kapiteln deutlich.

Am Beispiel des automatischen An- und Verkaufssystems von Wertpapieren des Finanzsektors zeigt die Autorin etwa, dass Big Data zu einem erheblichen Teil die Finanzkrise mit zu verschulden hat. Deutlich wird dabei auch, wir stark viele Menschen mittlerweile in die Abhängigkeit der Algorithmen geraten sind oder gar die Entscheidungsverantwortung an die Maschine abgetreten haben. Abschließend fasst die Autorin die gesellschaftlichen Risiken von Big Data zusammen und diskutiert Auswege, die sie durch Handlungsimperative auf Ebene des Individuums und des Staates formuliert.

Beispielsweise plädiert Hofstetter für Grundrechte des Datensubjektes, die die Unantastbarkeit persönlicher Daten garantieren, z. B. indem alle Personen das Recht haben, ihre gespeicherten Daten jederzeit einsehen und gegebenenfalls auch löschen zu können. Dafür benötige es auch eine Treuhandstelle zur Kontrolle der Datenverwendung.

In dem facettenreichen, inhaltlich tiefgehenden und informativen Buch überwiegt ein mahnender, kritischer, meist dunkler Ton. Nicht zu Unrecht, in Anbetracht der gewaltigen Verbreitung und Permanenz der Technologien, deren Evaluationsmechanismen den kompletten menschlichen Lebensbereich bereits durchdrungen haben.

Yvonne Hofstetter erreicht damit ihr Ziel, über die Big-Data-Technologien aufzuklären und gleichzeitig zum reflektierten Umgang damit anzuregen. Dazu beigetragen haben auch ihre bildhafte, klare und teils literarische Sprache und Erzählweise, mit der sie ihr profundes Wissen über Funktionsweisen und Zusammenhänge von Big Data strukturiert für Nicht-Mathematiker darlegt.

Wünschenswert wären mehr konkrete Vorschläge für den individuellen Umgang mit den Technologien gewesen, denn mit einigen (kostenfreien) Programmen können zumindest manche der Datenkraken beim Surfen im Internet im Zaum gehalten werden.

Nichtsdestotrotz hat Frau Hofstetter ein gesellschaftlich wichtiges Buch geschrieben, dessen Thema uns alle angeht. Es zeigt, was hinter unseren Bildschirmen tagtäglich vorgeht und gibt konstruktive Ratschläge, wie die Gesellschaft den Umgang mit ihren Daten regeln sollte, wenn sie frei und demokratisch bleiben möchte.