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Dave Eggers: Der Circle.

Rezensent: Dr. Dirk Jahn

Originalliteratur: Eggers, Dave: Der Circle. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2014, ISBN 978-3462046755, 560 Seiten, EUR 22,99.

Quelle: Wilbers, K. (Hrsg.): Handbuch E-Learning. www.personalwirtschaft.de/elearning

In naher Zukunft wird das Leben durch die Ausweitung und Verzahnung smarter, internetbasierter Technologien noch bequemer, sicherer, vernetzter, demokratischer und transparenter werden. Dafür sorgt vor allem der Mega-Internet-Konzern „der Circle“. Er hat es in kurzer Zeit geschafft, als Marktführer die Dienstleistungen von Facebook, Apple, Twitter, Google und Co. hinter sich zu vereinen und zu übernehmen. Grundlage für den Erfolg war das Unified Operating System TruYou, das es Usern erlaubt, sämtliche Online-Profile, Accounts und Konten unter nur einem einzigen personalisierten Zugang zu verbinden. Mit TruYou braucht es nur noch eine Anmeldung, eine Umgebung, von der aus sämtliche Internettransaktionen und -aktivitäten gesteuert werden können. Umständliche und zeitfressende Log-In-Prozeduren, vergessene Passwörter oder Nutzernamen, Verwirrungen mit Zahlungssystemen – all das war auf einen Schlag hinfällig geworden.

In dieser Rahmenhandlung lässt Dave Eggers, gefeierter amerikanischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Herausgeber verschiedener Literaturzeitschriften, die weibliche Hauptfigur Mae Holland Teil und Grund einer dystopischen Gesellschaftsvision in seinem aufsehenerregenden neuen Roman werden. Das Buch richtet sich an Leser, die sich auf unterhaltsame Weise mit den Chancen und Gefahren der neuen Technologien im Kontext von Privatsphäre, Öffentlichkeit und Demokratie beschäftigen und dabei kritisch hinter die Fassade der immer mächtiger werdenden Internetkonzerne blicken möchten. Besonders kommen durch den gewählten Zugang auch Jugendliche als Adressaten in Frage, um z. B. Mediennutzungsverhalten zu reflektieren. Das Buch ließe sich somit auch für Unterrichtszwecke nutzen.

Die Geschichte beginnt mit Mae Hollands erstem Arbeitstag beim „Circle“, diesem weltweit größten, begehrtesten und hippsten Arbeitsgeber für Kreative mit Sitz in Kalifornien. Im Weiteren wird Maes persönliche Entwicklung dort verfolgt, die mit fundamentalen gesellschaftlichen Umwälzungen durch den Konzern einhergeht. Mae ist jung, 24 Jahre alt, attraktiv, charmant, eloquent, intelligent, diszipliniert, eisern ehrgeizig. Sie stammt aus einem Arbeiterhaushalt und hat den Biss, auf der sozial-gesellschaftlichen Leiter emporzusteigen. Beim Circle kriegt sie die Gelegenheit dazu: Die Leserschaft begleitet sie in die moderne Arbeitswelt der nahen Zukunft. Voller Begeisterung und Selbstaufopferung schuftet Mae in den hellen, gläsernen High-Tech-Büros der Abteilung Kundenbetreuung. In den gehetzten Mittagspausen verschlingt sie hastig erlesene, von Sternenköchen zubereitete Speisen in den eigenen Edel-Restaurants des Unternehmens. Spät abends nimmt sie an den vielen unterschiedlichen, kostspieligen und dekadenten Konzernevents teil, auf denen z. B. renommierte Künstler sich für die Belegschaft anbiedern dürfen. Natürlich legt der Konzern auch Wert auf betriebliches Gesundheitsmanagement. Vielfältige Sport- und Freizeitangebote sowie ein individuelles Gesundheitsmonitoring sollen die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter sichern. Das Unternehmen setzt auf völlige Transparenz, sei es intern als auch extern, die durch die Verbindung und Ausweitung smarter Technologien in verschiedenen Projekten verwirklicht werden soll. Über neue Generationen von leistungsstarken Mini-Kameras sollen z. B. alle Plätze der Welt in einem Projekt beobachtbar werden. In einem anderen wird das Handeln von Politikern durch das Führen dieser Kameras vollständig transparent gemacht. Über den Circle soll sogar eine neue Form der direkten Demokratie ermöglicht werden. Teilen ist heilen, Geheimnisse sind Lügen und Alles Private ist Diebstahl – das sind die wichtigsten Firmengrundsätze, die Mae im weiteren Verlauf mitentwickelt und vorlebt. Doch diese Praxis hat einen individuellen und gesellschaftlichen Preis, der unter anderem durch die Interaktion mit weiteren wichtigen Charakteren wie etwa Maes Eltern, ihrer Freundin und Kollegin Annie oder einem mysteriösen Unbekannten am Circle-Campus, in den sich Mae verliebt und der den Konzern stoppen möchte, deutlich aufgezeigt wird.

Den sprachlichen und erzählerischen Maßstäben großer Romane wird das Buch nicht gerecht. Dazu ist die eher plakative und stellenweise platte Sprache weder ästhetisch noch differenziert genug. Die Charaktere sind holzschnittartig gehalten, was für das zu vermittelnde Szenario aber eher dienlich ist. Sie tragen ihre Argumente und das, wofür sie stehen, einfach direkt vor. Ihre Handlungen müssen nicht erst „gelesen“ und interpretiert werden, um sie zu verstehen. Deswegen gibt es auch nur wenige Zwischentöne in dem Roman, Licht und Schatten sind meist klar auszumachen. Die Story bietet zudem nur wenige Wendungen und bleibt häufig kalkulierbar. Dennoch liest sich das Buch spannend, flüssig und überrascht dann doch durch seine Radikalität. Die genannten Kritikpunkte sind aber zu vernachlässigen, wenn es um den gedanklichen Gehalt des Buches geht. Dave Eggers ist es in seiner düsteren Zukunftsvision gelungen, mehrere und vielschichtige Ebenen der Gesellschaftskritik geschickt in einer Geschichte zu verweben und die Gefahren der technologiegestützten Praktiken des Optimierungs-, Technik- und Fortschrittsglaubens plastisch zu vergegenwärtigen. Besonders erschreckend daran ist, dass viele der gezeichneten Szenarien heute schon längst ihren Anfang genommen haben, wie z. B. die permanente Evaluation von „Beratungsleistungen“ durch computergestützte Kundenbefragungen oder die internetgestützte Optimierung der Vitalwerte und Gesundheitsindikatoren. Fazit: Ein lesenswerter, vielseitiger, aufrüttelnder, zu Diskussionen einladender Roman für Jugendliche und Erwachsene.