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Manfed Spitzer: Denken – zu Risiken und Nebenwirkungen.

Franziska

Rezensent: Dirk Jahn, FBZHL

 

Quelle: Wilbers, K. (Hrsg.): Handbuch E-Learning. www.personalwirtschaft.de/elearning

 

Originalliteratur: Spitzer, Manfred: Denken – zu Risiken und Nebenwirkungen. Herausgegeben von Wulf Bertram. Reihe „Wissen und Leben“. Stuttgart (Schattauer) 2014, ISBN 978-3794531059, 299 Seiten, EUR 19,99.

 

Viele Fragen lassen sich durch Nachdenken beantworten. Ob aber die getroffenen Schlussfolgerungen logisch sind und des Weiteren auch noch mit den tatsächlichen Gegebenheiten übereinstimmen, das steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Zudem beeinflussen Sozialisierung, Mediennutzungsverhalten, körperliche Gesundheit, Geschlecht und eine Reihe weiterer Faktoren nicht nur was wir denken, sondern auch, wie wir denken – was leider unter bestimmten Bedingungen nicht immer zum Vorteil gereicht.

Von diesen Risiken und Nebenwirkungen des Denkens berichtet der renommierte Gehirnforscher Manfred Spitzer in einer neuen Ausgabe von „Wissen und Leben“. Das populärwissenschaftliche Buch umfasst 17 Beiträge, die den Einflüssen auf das Denken in unterschiedlichen lebenspraktischen Bereichen auf die Spur gehen. Grundlage dafür sind Zusammenfassungen und Verdichtungen ausgewählter aktueller und internationaler Studien der Neurowissenschaft und angrenzender Bezugsdisziplinen. Das Buch ist folglich an alle gerichtet, die sich für neurowissenschaftliches Wissen interessieren. Durch den Bezug zum Thema Lernen und Medien ist es aber besonders auch für didaktisch Arbeitende von Relevanz.

Zu den behandelten Fragestellungen zählen unter anderem einige Beiträge aus dem medizinischen Kontext, z. B. wie sich Chemo-Therapien auf die Kognitionsleistung auswirken oder welchen Einfluss Informationstechnik im klinischen Alltag auf das Arzt-Patientenverhältnisnimmt. Des Weiteren wird das Denken in menschlichen Beziehungen unter die Lupe genommen, z. B. die Auswirkungen von negativ erlebten Paar-Beziehungen auf den Organismus beleuchtet, die positiven Effekte von familiären Abendessen analysiert oder die Frage untersucht, welche Rolle unbewusste Partnerbilder auf die Qualität von Ehen haben können. Fazit hier: Idealisieren ist besser als Realisieren. Wie nennt man Menschen, die rein nutzenmaximierend Denken und Handeln, fragt ein weiterer Beitrag. Antwort: Psychopathen, Menschen mit dissozialer und antisozialer Persönlichkeitsstörung. Es wird gezeigt, dass man es mit diesem „Profil“ sehr weit in der Gesellschaft bringen kann, z. B. in der Politik oder der Wirtschaft. Auch zum Thema Lernen und Nutzung digitaler Medien finden sich einige Beiträge, die für die Unterrichtspraxis fruchtbar gemacht werden können: Wie wirkt sich Bewegung auf die Kreativität aus? Welchen Effekt hat das Lernen von zwei Sprachen auf die kognitive Gesundheit/Resilienz? Wie wirken sich Smartphones auf das Sozialverhalten, auf die kognitive Leistungsfähigkeit oder auf die Gesundheit aus? Was bedeutet Schwarmintelligenz und was Schwarmdummheit im Kontext sozialer Netzwerke? Was unterscheidet westliches und östliches Denken und warum gibt es diese Unterschiede? Was sagt die Gehirnforschung über die Beschaffenheit des Gehirns bei Frauen und Männern und welche Konsequenzen hat das für weibliches bzw. männliches Denken?

Die Antworten auf diese Fragen fallen in dem vielseitigen, informativen, unterhaltsamen und meist verständlich geschriebenen Buch an vielen Stellen überraschend, erhellend und durchaus für die eigene (Lebens-)Praxis brauchbar aus. In mancher Hinsicht aber bestätigt die Hirnforschung Einsichten, die schon lange vor der Blüte dieser Disziplin gewonnen wurden oder sich auch mit dem Hausverstand hinreichend erschließen lassen (z. B. vermeide Beziehungsstress – ist ungesund). Wie gewohnt zieht Manfred Spitzer vom Leder, wenn es um die Nutzung von digitalen Medien geht. Übermäßige Smartphonenutzung mache krank, einsam und dumm. Soziale Netzwerke würden durch die Möglichkeiten kommunikativer Einflussnahme in die Schwarmdummheit führen usw. Für jede dieser von mir zugespitzt formulierten Thesen hat Spitzer eine Vielzahl an Studien als Belege auf seiner Seite. Ob es dazu auch Untersuchungen gibt, die zu anderen Ergebnissen oder Interpretationen kommen, wird nicht deutlich. Der Verdacht der Voreingenommenheit durch die selektive Auswahl an Studien oder deren einseitige Interpretation drängt sich am Ende doch auf, zumal die meisten Studien von dem Autor nicht weiter auf ihre erkenntnistheoretischen, methodischen oder interpretatorischen Implikationen kritisch gewürdigt werden. Die Deutungshoheit liegt somit bei Manfred Spitzer. Denken Sie mit! wird auf der Rückseite des Buches gefordert. Genau das aber vereitelt der Autor an manchen Stellen, indem er es versäumt, Spannungsfelder aufzuzeigen oder skeptische Fragen zu stellen.