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Vermeidung von Aufschiebeverhalten in Vorlesungen durch begleitende Beurteilungsaufgaben

Kurzinfos_ZiLL_2014-23_begleitende Prüfungsaufgaben

Aus der Reihe: Schriften zur Hochschuldidaktik. Beiträge und Empfehlungen des Fortbildungszentrums Hochschullehre der Friedrich-­Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Van Gaal, F. & De Ridder, A., Universität Antwerpen, Belgien

Quelle

Van Gaal, F. & De Ridder, A. (2013). The impact of assessment tasks on subsequent examination performance. Active Learning in Higher Education, 14, 213-225.

Problembeschreibung / Zieldefinition

In Lehrveranstaltungen mit Großgruppen ist es oft schwierig, Studierende zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Lernstoff anzuregen und so dafür zu sorgen, dass sie die gewünschten Lernergebnisse erzielen. Insbesondere ist es in großen Veranstaltungsformaten schwierig, alle Studierenden zu einer engagierten Teilnahme an der Lehrveranstaltung zu motivieren. Es besteht daher die Gefahr, dass einzelne Studierende „untergehen“.

Das hier dargestellte Beispiel zeigt, wie Feedback auf ihren jeweiligen Wissensstand Studierende dazu motivieren kann, sich mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen.

Das Beispiel stammt aus den Wirtschaftswissenschaften an der Universität Antwerpen. Grundidee ist es, in eine Lehrveranstaltung begleitende Beurteilungsaufgaben zu integrieren (in der englischsprachigen Literatur: „assessment tasks“) und den Studierenden Feedback darauf zu geben.

Ziel dabei war es, die Prüfungsleistungen der Studierenden zu verbessern und zugleich ihr Aufschiebeverhalten (Prokrastination) zu reduzieren.

Herangehensweise / Lösungsansatz

Was genau sind begleitende Beurteilungsaufgaben? Es handelt sich dabei um Aufgaben, die semesterbegleitend (jeweils innerhalb von vier Tagen) von den Studierenden bearbeitet werden und die in die Abschlussnote der Lehrveranstaltung eingehen.

Von der Vorgabe begleitender Beurteilungsaufgaben wird erwartet, dass diese Maßnahme den Studierenden aufzeigt, welche Fähigkeiten und welche Fachkenntnisse gefordert werden. Zudem wird erwartet, dass begleitende Beurteilungsaufgaben die Studierenden zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Lernstoff motivieren und dadurch den Lernprozess effizienter machen. Durch die begleitenden Beurteilungsaufgaben setzen sich die Studierenden außerdem nicht erst am Ende des Semesters mit den Inhalten der Lehrveranstaltung auseinander, sondern bemerken zu einem früheren Zeitpunkt, ob sie Wissenslücken haben. Dies ist eine Möglichkeit, Aufschiebeverhalten zu vermeiden.

Bei dem vorliegenden Beispiel aus den Wirtschaftswissenschaften bestand die Abschlussprüfung vor der Einführung der begleitenden Beurteilungsaufgaben aus einer Abschlussklausur und einer Gruppenarbeit.

Nach der Einführung der Methode wurden diese Prüfungsleistungen durch insgesamt dreimal während des Semesters vorgegebene, begleitende Beurteilungsaufgaben ergänzt, wobei jede der drei Aufgaben einem Kernthema der Lehrveranstaltung entsprach.

Zu jedem Thema mussten die Studierenden angewandte Aufgaben lösen, die aus fiktiven Daten und einer Problembeschreibung bestanden. Im dargestellten, wirtschaftswissenschaftlichen Beispiel war es die Aufgabe der Studierenden, ausgehend von vorgegebenen Informationen verschiedene betriebswirtschaftliche Kalkulationen vorzunehmen.

Für das Einreichen der Lösungen hatten die Studierenden vier Tage Zeit. Die eingereichten Kalkulationen wurden bewertet und zwei Tage nach der Einreichung erhielten die Studierenden individuelle, schriftliche Rückmeldungen in Bezug auf die Richtigkeit einer jeden Aufgabe (siehe Abbildung 1).

Abbildung23

Abbildung 1: Ablauf der Methode der begleitenden Prüfungsaufgaben

Um die begleitenden Beurteilungsaufgaben zu entwickeln, an die Studierenden zu verteilen und sie nach der Bearbeitung korrigieren zu können, wurden in dem vorliegenden Beispiel eLearning-Medien genutzt.

Die Berücksichtigung der begleitenden Beurteilungsaufgaben in der Gesamtnote zur Lehrveranstaltung wurde folgendermaßen gestaltet: Zunächst wurden die Abschlussprüfung (80 %) und eine Gruppenarbeit (20 %) miteinander verrechnet; hier konnten die Studierenden maximal 20 Punkte erzielen. Im nächsten Schritt wurde diese Punktzahl entsprechend der begleitenden Beurteilungsaufgaben adjustiert: Studierende, die alle drei Aufgaben abgegeben haben und zweimal mindestens 50 % und einmal mindestens 25 % der Punkte erzielten, erhielten einen zusätzlichen Punkt. Studierende, die alle Aufgaben abgegeben hatten, aber nicht die genannten Kriterien erfüllten, erhielten keine zusätzlichen Punkte. Studierenden, die eine oder mehrere Aufgaben nicht pünktlich abgegeben hatten, wurde ein Punkt abgezogen. Der Punktabzug konnte jedoch rückgängig gemacht werden, wenn die Studierenden die entsprechenden Prüfungsaufgaben richtig lösten. Diese Vorgehensweise wurde in der Lehrveranstaltungsbeschreibung so angekündigt.

Aufwand

Der Aufwand bei der vorgestellten Methode liegt in der Entwicklung der Aufgaben und im Geben des Feedbacks an die Studierenden. Dies wurde in dem vorliegenden Beispiel durch die Verwendung von computergestützten eLearning-Medien sichergestellt. Der Aufwand bei der Rückmeldung an die Studierenden schwankt je nach Aufgabentyp der Beurteilungsaufgaben stark, bei sehr großen Gruppen von Studierenden sind deshalb effizient zu korrigierende Aufgaben zu bevorzugen.

Art der Evaluation, Erfolgsfaktoren und Resultate

Um den Erfolg der Methode zu überprüfen, wurden die Abschlussnoten von zwei Gruppen von Studierenden vor und nach der Einführung von den begleitenden Beurteilungsaufgaben miteinander verglichen. Dabei handelte es sich um 366 Studierende, die mit begleitenden Beurteilungsaufgaben arbeiteten, und eine Vergleichsgruppe von 420 Studierenden, die die Lehrveranstaltung vor der Einführung der didaktischen Methode besucht hatten.

Die Abschlussnoten der beiden Studierendengruppen unterschieden sich bedeutsam voneinander, die Studierenden, die mit den begleitenden Beurteilungsaufgaben arbeiteten, erzielten bessere Ergebnisse als die Studierenden vor Einführung der Methode.

Generell zeigten sich sehr hohe Teilnahmequoten bei den begleitenden Beurteilungsaufgaben: von 366 Studierenden machten nur 5, 9 und 7 Studierende nicht bei den Aufgaben 1, 2 und 3 mit.

Trotz der insgesamt ermutigenden Ergebnisse zeigte sich bei genauerer Betrachtung, dass der Zusammenhang zwischen den Beurteilungsaufgaben und der Gesamtleistung auf die weniger leistende Hälfte der Studierenden zurückgeht, während ein Effekt bei der leistungsstärkeren Hälfte ausbleibt.

Rückmeldungen der Studierenden ergaben außerdem, dass sie einen positiven Effekt der Methode auf die Leistung wahrnahmen und sich sicherer mit dem Thema fühlten. Sie berichteten von einer aktiveren Teilnahme an der Präsenzveranstaltung und höherer Motivation. Diese Aussagen sprechen dafür, dass die Studierenden auch weniger Aufschiebeverhalten an den Tag legten.

Empfehlungen

Der Einsatz von begleitenden Beurteilungsaufgaben ist eine vielversprechende Methode, die auch für große Gruppengrößen gut geeignet ist.

Sie bietet sich insbesondere an, um die schwächeren Studierenden zu fördern und ihnen bessere Leistungen zu ermöglichen.

Positiv an der Methode ist zudem, dass die Studierenden zeitnah und regelmäßig Feedback bekommen und von Beginn des Semesters „am Ball“ bleiben. So bleibt genügend Zeit, um zu reagieren, falls sich Wissenslücken zeigen.Andererseits könnte der wiederholte Einsatz der Beurteilungsaufgaben zu erhöhtem Stress oder Belastungserleben für die Studierenden führen.

Trotzdem sehen wir das Potenzial in dieser Methode, dass die Studierenden durch das Bearbeiten der Beurteilungsaufgaben hinsichtlich ihres Zeitmanagements sensibilisiert werden und möglicherweise auch zukünftig weniger Aufschiebeverhalten zeigen.

Verallgemeinerbarkeit

Die Methode begleitender Beurteilungsaufgaben kann fächerübergreifend eingesetzt werden. Die Voraussetzung für die Einführung der Methode ist insbesondere bei Lehrveranstaltungen mit großen Gruppengrößen, dass Aufgaben vorliegen oder entwickelt werden, die effizient korrigiert werden können, um den Zeitaufwand für die Erstellung des Feedbacks im Rahmen zu halten. Hier bieten sich beispielsweise Aufgaben zur Berechnung oder multiple-choice-Aufgaben an. Auch eine Standardisierung des Feedbacks wäre vorteilhaft, um den Aufwand der Methode zu minimieren.