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Die professionelle Begleitung des Studienbeginns mithilfe eines webbasierten Einführungsprogramms (Freshers‘ Week)

Kurzinfos_ZiLL_31-2015_freshers week
Aus der Reihe: Schriften zur Hochschuldidaktik. Beiträge und Empfehlungen des Fortbildungszentrums Hochschullehre der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.
Autoren: Christopher Laing1, Alan Robinson2 & Veronique Johnston3
1Northumbria University, UK
2Southampton Institute, UK
3Napier University, UK

Quelle

Laing, C., Robinson, A. & Johnston, V. (2005). Managing the transition into higher education. Active Learning in Higher Education, 6 (3), 243-255.

Weitere Informationen

Brown, T. W., Killingsworth, K., & Alavosius, M. P. (2014). Interteaching: An Evidence-Based Approach to Instruction. International Journal of Teaching and Learning in Higher Education, 26(1), 132-139.

Problembeschreibung / Zieldefinition

Der Einstieg in das Studium ist für Studierende ein wichtiger Übergang, der jedoch mit Schwierigkeiten verbunden sein kann: Die Erwartungen vieler Studierender an die Lehre und ihre neue Lernumgebung sind von ihren Erfahrungen in der Schule geprägt und kollidieren möglicherweise mit den Anforderungen von Hochschulen, an denen sie in hohem Maße Kompetenzen zum selbstständigen Lernen benötigen.
Wie kann die Anfangsphase des Studiums professionell und studierendenzentriert unterstützt werden? Dies geschieht an britischen Universitäten normalerweise durch eine sog. „Freshers´ Week“, bei der die Studierenden zahlreiche Informationsveranstaltungen rund um das Thema Studieren besuchen. Auch in Deutschland werden in einigen Studiengängen Studieneinführungswochen angeboten, die einer Freshers‘ Week entsprechen. Bei einer traditionellen Studieneinführungswoche sind die neuen Studierenden jedoch meist nur passive Rezipienten von Informationen, auf ihre individuellen Bedürfnisse in Bezug auf die Aneignung adäquater Lernstrategien wird dagegen kaum eingegangen. Um die Studierenden im Rahmen der Studieneinführung stärker in die Hochschulstrukturen einzubinden, den Austausch mit anderen Studierenden zu fördern, sowie ihnen eine individuelle Rückmeldung ihrer Lernaktivitäten zu geben, wurde das Online Spiral Induction Programme (onSIP) entwickelt und erprobt.

Herangehensweise / Lösungsansatz

Das Programm onSIP erstreckt sich über die ersten sechs Wochen des Studiums und wird darüber hinaus immer dann eingesetzt, wenn bestimmte Ereignisse im Studium dies erfordern. Beispielsweise werden vor dem Schreiben von Klausuren Lernaktivitäten zum Thema „Umgang mit Abschreiben und Plagiaten“ angeboten. Durch onSIP wird ein Netzwerk strukturierter Unterstützung angeboten, das sich aus online-Modulen, freiwilligen Präsenzveranstaltungen und persönlicher Beratung zusammensetzt. Der Lernprozess der Studierenden wird kontinuierlich begleitet und „gefährdete“ Studierende können zeitnah beraten und unterstützt werden.
Das Programm onSIP ermöglicht Studierenden auf einer online-Plattform mit anderen Studierenden in Kontakt zu treten und in einem lockeren, informellen Rahmen an kollaborativen, web-basierten Lernaktivitäten zu arbeiten. Themen der Lernaktivitäten sind beispielsweise Zeitmanagement, wissenschaftliches Zitieren oder Lernen im Team. Das Ziel ist dabei nicht nur die Schulung studienrelevanter Kompetenzen in Bezug auf selbstreguliertes Lernen (dies schließt das „Lernen Lernen“ mit ein), sondern auch die Förderung der kommunikativen und interpersonellen Fähigkeiten der Studierenden wie Zuhören, Diskutieren oder in Gruppen arbeiten. Aufgaben zum Thema Zeitmanagement können beispielsweise so aussehen, dass die Studierenden einen Text zu einer spezifischen Zeitmanagement-Methode durcharbeiten und diese für sich selbst anwenden. Dies kann das Setzen von kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Zielen sowie der nächsten Schritte, die dafür zu unternehmen sind, beinhalten und anschließend eine Feedback-Runde unter den Studierenden umfassen, in denen diese sich gegenseitig Rückmeldung zu ihren Planungen geben.
Die Präsenzveranstaltungen können so gestaltet werden, dass zunächst die Fragen der Studierenden, die bei der Bearbeitung der Materialien auf der online-Plattform entstanden sind, im Plenum geklärt werden. Im Anschluss kann eine kurze Vorlesung erfolgen, in der die bearbeiteten Inhalte vertieft werden und in der weitere Perspektiven aufgezeigt werden. Die neuen Inhalte können im Anschluss an den Vorlesungsteil von den Studierenden in einer Gruppenarbeit reflektiert werden (z.B. „Wie helfen mir die neuen Inhalte bei meinem Studium weiter?“; zu Details für eine Gestaltung in diesem Stil vgl. auch Brown, Killingsworth & Alavosius, 2014). In den Präsenzveranstaltungen können zudem Fragebögen zum Lernstil der Studierenden oder ein von den Autoren des hier vorgestellten Ansatzes an der Napier-University entwickelter diagnostischer Test (sog. Napier Questionnaire) eingesetzt werden, mit dem der Studienerfolg im ersten Studienjahr vorhergesagt wird und anhand dessen die Studierenden beraten werden können, hinsichtlich welcher Aspekte sie ihren Lernstil noch optimieren können.
Um ihre reflexive Kompetenz zu schulen, führen die Studierenden begleitend zu den Präsenzveranstaltungen ein Portfolio darüber, wie viel Zeit sie dafür wöchentlich investiert und inwieweit die Ergebnisse der jeweiligen Sitzung ihre Erwartungen erfüllt haben. Dabei werden die Studierenden dazu gebracht und dabei unterstützt, ihre eigene Leistung selbst einzuschätzen und kritisch zu evaluieren – wichtige Kompetenzen beim selbstregulierten Lernen. Die selbsteingeschätzte Leistung der Studierenden wird dabei kontinuierlich mit der tatsächlichen Leistung verglichen, so dass die Studierenden Feedback dazu bekommen, inwiefern ihre Einschätzung realistisch ist (siehe „Rückmeldung“ und „Vergleich mit Selbsteinschätzung“ in Abb. 1).
Die Rückmeldung an Studierende kann beispielsweise folgendermaßen aussehen: „Du hast einen Wert von 62 im Napier Score, das ist eine vernünftige Grundlage für ein erfolgreiches erstes (Studien-)Jahr, aber bedenke, dass ein hoher Wert keinen Erfolg garantiert, falls du dich nicht weiterhin auf dein Studium konzentrierst. Deine Teilnahmequote beträgt weniger als 41%, das ist niedrig und könnte dich beim Studieren beeinträchtigen. Insgesamt nimmst du am Lehr-Lernprozess teil, aber es könnte sein, dass du Unterstützung benötigst, um in das nächste Studienjahr überzutreten.
Was kann ich tun? Schau dir mit deinem Tutor den Fragebogen [Napier Questionnaire] an, um die Bereiche zu identifizieren, in denen du wenig Punkte hast und das Institut nicht deinen Erwartungen entspricht. Manche dieser Aspekte können geändert werden, bei anderen ist das nicht der Fall. (…) Dein Tutor wird dir dabei helfen einen Plan zu entwickeln und wird dich möglicherweise auf weitere Hilfequellen hinweisen. Es ist ein wichtiger Aspekt eines erfolgreichen ersten Studienjahres, sich proaktiv angemessene Hilfe und Unterstützung zu suchen.“ (Laing et al., 2005, S. 249)
Neben der Lernhilfe für Studierende stellt onSIP auch ein Diagnose-Werkzeug für Lehrende dar: Sie können die Teilnahme jedes einzelnen Studierenden an den Lernaktivitäten und ihren Erfolg jederzeit sehen („Rückmeldung“ an die Lehrperson in Abb. 1) und daher leichter einschätzen, ob ein Studierender Gefahr läuft, die Kompetenzen, die für ein Hochschulstudium notwendig sind, nicht zu erlangen. Sollten Studierende „gefährdet“ sein, die Anforderungen, die für ein erfolgreiches Studium im nächsten Studienjahr notwendig sind, nicht zu erfüllen, kann die Lehrperson die jeweiligen Studierenden dabei unterstützen, die fehlenden Kompetenzen zu erwerben („Beratung“ durch die Lehrperson in Abb. 1). Die Beratung von gefährdeten Studierenden durch die Lehrperson erfolgt individuell abgestimmt auf die Bedürfnisse des jeweiligen Studierenden anhand des parallel eingesetzten diagnostischen Tests (Napier Questionnaire) und der dort identifizierten Lücken. Als gefährdet werden die Studierenden eingestuft, die nicht an den Lernaktivitäten teilnehmen oder deren Studienerfolg aufgrund des Fragebogens (Napier Questionnaire) fraglich ist. Das folgende Schaubild verdeutlicht die Vorgehensweise von onSIP:


Abbildung 1: Ablauf von onSIP

Aufwand

Die Einführung des Programms onSIP ist mit hohem zeitlichem und finanziellem Aufwand verbunden. Ist das Programm jedoch erst einmal an einer Universität eingeführt, kann es wiederholt für Erstsemester-Studierende genutzt werden. Durch die automatisch erfolgenden und zeitnahen Rückmeldungen an Studierende und Lehrende ist es insbesondere für die frühe Unterstützung und persönliche Beratung „gefährdeter“ Studierender nützlich. Die persönliche Beratung „gefährdeter“ Studierender ist je nach Problemlage mehr oder weniger zeitaufwändig.

Art der Evaluation, Erfolgsfaktoren und Resultate

Die Qualität der Vorhersagen von onSIP wurde mit dem tatsächlichen Übertritt von 80 Studierenden vom ersten in das zweite Studienjahr verglichen. Es zeigte sich, dass onSIP von den Studierenden, die den Übergang schafften, 83 % richtig identifizierte (17 % der Studierenden, die den Übergang schafften, wurden vorher nicht als erfolgreich eingestuft). Von den Studierenden, die den Übergang vom ersten ins zweite Studienjahr nicht schafften, wurden 69 % vorher richtig identifiziert (von den Studierenden, die den Übergang nicht schafften, wurden 31 % vorher nicht als gefährdet eingestuft).
Laut Aussagen der Studierenden, die an der Evaluationsstudie zum onSIP Programm teilnahmen, verbesserte sich durch das Programm ihr Engagement beim universitären Lernen, außerdem fühlten sie sich stärker mit ihrer Universität verbunden.

Empfehlungen

Auch wenn die erste grundlegende Einführung eines solchen Programms mit hohem Aufwand verbunden ist, sind die Ergebnisse dieses Fallbeispiels erfolgversprechend, so dass sich dieser Aufwand voraussichtlich lohnt. Die flächendeckende Einführung eines solchen Programms kann nicht von einzelnen Lehrenden geschultert werden, sondern muss in einem größeren Projektteam erfolgen. Die webbasierte Vermittlung von Lernstrategien könnte jedoch zunächst in einzelnen Studienfächern erfolgen und bei positiver Evaluation auf weitere Studienfächer ausgedehnt werden. Bei der Entwicklung und Einführung eines Programms zur webbasierten Vermittlung von Lernstrategien könnten fortgeschrittene Studierende aus der Pädagogik oder Psychologie eingebunden werden, die sich im Rahmen ihres Studiums mit Lehr-Lernprozessen beschäftigen.

Verallgemeinerbarkeit

Die in onSIP aufbereiteten Lernaktivitäten zur Vermittlung selbstständiger Lernstrategien sind in allen Studiengängen relevant, deshalb erscheint die Verallgemeinerbarkeit auf weitere Studiengänge gegeben.