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Die Unterstützung von älteren Studierenden und Teilzeitstudierenden mit dem Programm VALUE MaP

Kurzinfos_ZiLL_39-2015_value-MaP
AutorInnen: Louise Frith & Allia Wilson, University of Kent, UK
Aus der Reihe: Schriften zur Hochschuldidaktik. Beiträge und Empfehlungen des Fortbildungszentrums Hochschullehre der Friedrich-­Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Quelle

Frith, L., & Wilson, A. (2014). Returning to learning. What are the academic development needs of mature and part-time students? What works to support and retain these students? Journal of Learning Development in Higher Education, (7), 1-18.

Problembeschreibung / Zieldefinition

Ältere Studierende und Teilzeitstudierende machen einen zunehmend bedeutsamen Anteil der Studierenden aus. Die Unterstützung solcher Studierender, die erstmals oder nach längerer Pause wieder an einer Hochschule studieren, ist eine Herausforderung für Hochschulen. Die Bewältigung dieser Herausforderung ist jedoch wichtig, um den Studienerfolg dieser Personengruppe sicherzustellen. Dennnoch nehmen Bemühungen zur Integration älterer Studierender und Teilzeitstudierender häufig noch eine untergeordnete Rolle ein. Dies galt auch an der University of Kent. Um ältere und Teilzeitstudierende effektiv unterstützen und beraten zu können, wurde dort das Programm VALUE MaP (Value Added Learning in University Education for Mature and Parttime students) entwickelt, das im Folgenden vorgestellt wird.

Herangehensweise / Lösungsansatz

Das Programm VALUE MaP besteht aus 12 jeweils etwa einstündigen Sitzungen, die im vorliegenden Beispiel in drei Blockterminen zu Beginn des akademischen Jahres angeboten wurden (vgl. Tabelle 1). Jeder Blocktermin beinhaltete vier Sitzungen, die Blocktermine fanden immer an einem Samstag statt. Um ältere Studierende und Teilzeitstudierende erfolgreich zu unterstützen, wird durch VALUE MaP ihre akademische Identität gestärkt, ihre soziale Einbindung wird gefördert und sie werden in praktischen Belangen unterstützt.
Die Themen, anhand derer die Studierenden in den drei Bereichen (Identität, Gemeinschaftsgefühl und praktische Belange) unterstützt werden, reichen von einem Überblick über die Erwartungen, welche die Hochschule an die Studierenden hat, über Tipps zum zielgerichteten Lesen wissenschaftlicher Texte, zum Recherchieren und Zitieren, bis hin zum kritischen Denken und Argumentieren und Schreiben von Hausarbeiten und decken somit alle Bereiche ab, die für ein erfolgreiches Studium von Bedeutung sind. Die Themen der einzelnen Sitzungen sind in Tabelle 1 dargestellt. Die Ausgangslage sowie die Herangehensweise in Bezug auf die drei Aspekte Identität, Gemeinschaftsgefühl und praktische Belange sollen nun näher erläutert werden.

  1. Identität

Ältere und Teilzeitstudierende berichten oft von einer negativen Selbstwahrnehmung in Bezug auf ihre Studierfähigkeit. Viele ältere Studierende, die bereits auf Berufserfahrung zurückblicken können, empfinden ihre neue oder erneute Rolle als Studierende unter jüngeren KommilitonInnen als Rückschritt und können sich mit dieser Rolle nicht positiv identifizieren. Dies führt oft zu einem geringen Selbstbewusstsein und dem Gefühl, den Anforderungen des Studiums nicht gewachsen zu sein.
Zur Identitätsförderung verfolgt VALUE MaP ein auf Stärken basierendes (strength-based) Vorgehen: Um die Selbstwahrnehmung ihrer Studierfähigkeit zu stärken, sollen sich die Studierenden in der ersten Sitzung von Block 1 bei einem Gruppenaustausch darauf konzentrieren, welche Stärken sie für ein Hochschulstudium mitbringen, etwa Berufserfahrung, Zeitmanagement-Kompetenzen oder Zuverlässigkeit. Außerdem knüpfen die Lehrenden zu Beginn jeder Sitzung an die bereits vorhandenen Erfahrungen der Studierenden an, etwa wenn es um das akademische Schreiben oder das Verfassen von Notizen geht.

  1. Gemeinschaftsgefühl

Ältere und Teilzeitstudierende berichten oft von Schwierigkeiten, Anschluss an den Großteil der jüngeren Studierenden zu finden, etwa weil Interessen und soziale Aktivitäten auseinandergehen, und weil ältere Studierende selten auf dem Campusgelände oder in Studentenwohnheimen wohnen und so auch geographisch von ihren jüngeren KommilitonInnen getrennt sind. Experten betonen jedoch die Wichtigkeit informeller Lernprozesse, die im Austausch mit anderen Studierenden stattfinden, und eine Studie von Parmer und Trotter (2005) zeigte, dass das gemeinschaftliche Lernen einen großen Einfluss auf die Entscheidung über den Verbleib an einer Hochschule hat.
Zur gegenseitigen Unterstützung und Stärkung des Gemeinschaftsgefühls enthalten daher alle zwölf VALUE MaP-Sitzungen gemeinschaftliche Aktivitäten wie Gruppendiskussionen, das gemeinsame Gestalten von Plakaten zu bestimmten Themen und das Vergleichen von Notizen. Die Studierenden werden so zum gegenseitigen Austausch und zur Bildung von peer groups angeregt, um kooperative Lernprozesse zu ermöglichen.

  1. Praktische Belange

Noch stärker als ihre jüngeren Kommilitonen sehen ältere und Teilzeitstudierende sich bei der Gestaltung ihres Studienalltags vor praktische Herausforderungen gestellt. Die geographische Entfernung von Wohn- und Studienort, die Verantwortung für Kinderbetreuung und die Notwendigkeit, in Teilzeit zu arbeiten, lassen sich oft schwer mit dem Studium vereinbaren. Auch mangelnde Computerkenntnisse sind bei älteren Studierenden häufiger anzutreffen als bei jüngeren Studierenden und können ein Hindernis für eine erfolgreiche Hochschullaufbahn darstellen.
Um ältere und Teilzeitstudierende bei praktischen Fragen zu unterstützen, stellt die zweite Sitzung im ersten Block des VALUE MaP-Programms das Thema Zeitmanagement in den Mittelpunkt. Hier erhalten die Studierenden Tipps zur Organisation der Eigenarbeit, zum Setzen von Prioritäten und zur Zeitersparnis bei alltäglichen Aufgaben wie der Buchrecherche. Ein weiteres Angebot zur Unterstützung bei der Überwindung praktischer Barrieren stellt das Angebot der sog. Study Clinic am Ende des zweiten und dritten Blocktermins dar, bei dem die Studierenden abseits der regulären Sprechstunden ihre Fragen zum persönlichen Lernen mit einem Lernberater durchsprechen können.

Aufwand

Die Erstellung der Sitzungsmaterialien stellt einen hohen, jedoch zeitlich einmaligen Aufwand dar, bei dem außerdem Lehrende verschiedener Fachbereiche zusammen arbeiten können. Eventuell können hier auch Materialien genutzt werden, die bereits vorliegen, beispielsweise aus Seminaren oder Workshops zu Studierfähigkeiten. Haben sich die Materialien für die Studierenden bewährt, können sie in den folgenden Semestern erneut verwendet werden. Für die Vorbereitung der einzelnen Sitzungen kann auf die Handreichungen der University of Kent zurückgegriffen werden (Link siehe unten unter „Empfehlungen“).

Art der Evaluation, Erfolgsfaktoren und Resultate

Vor Beginn des Programms wurden Alter, Geschlecht und Studiengang der teilnehmenden Studierenden erfasst. Außerdem wurden 12 Studierende vor und nach dem Programm zu ihrer Selbsteinschätzung in den drei Bereichen „Identität“, „Gemeinschaftsgefühl“ und „praktische Belange“ in Interviews befragt (vgl. Frith & Wilson, 2014).
Nach dem Abschluss des Programms wurde es qualitativ mithilfe eines Online-Fragebogens (72 Studierende) und von Studierendeninterviews (12 Studierende) evaluiert. Hierbei zeigte sich, dass die älteren und Teilzeitstudierenden dankbar für eine Möglichkeit waren, ihre akademischen Fertigkeiten zu verbessern und sich mit anderen Studierenden auszutauschen. Die Studierenden berichteten außerdem von einer Verbesserung der Selbstwahrnehmung ihrer Studierfähigkeit. Auch die zeitliche Organisation der Sitzungen als Blocktermine mit jeweils vier Einzelsitzungen an einem Tag wurde von den Studierenden positiv aufgenommen.

Empfehlungen

Aufgrund der bereits erwähnten Zeitknappheit von älteren und Teilzeitstudierenden empfiehlt es sich, das dargestellte Programm in Blockterminen anzubieten, damit sich der organisatorische Aufwand zur Universität zu fahren für arbeitende Studierende oder solche mit Kindern in Grenzen hält. Vorstellbar wären etwa, wie dargestellt, drei Samstage mit vier Sitzungen einzuplanen, die pro Sitzung etwa eine Stunde dauern. Dabei sollten die Inhalte und die Gestaltung der Sitzungen an die jeweiligen Bedürfnisse der Studierenden angepasst werden.
Es ist zu überlegen, ob man in einem solchen Programm wirklich die älteren Studierenden erneut separiert behandeln sollte. Ältere Studierende werden so um eine Chance gebracht, Kontakte zu jüngeren zu knüpfen, und das Programm könnte auch für jüngere Studierende hilfreich sein. Mit dieser Einschränkung handelt es sich um ein brauchbares Programm – weniger zur Verbesserung der Lehre innerhalb vorhandener Veranstaltungen als zur Verbesserung der Studienbedingungen im Allgemeinen.
Weiterführende praktische Informationen sind auf der Website der University of Kent zu finden, an der das Programm VALUE MaP bereits erfolgreich durchgeführt wurde (https://www.kent.ac.uk/learning/programmes/valuemap.html?tab=contact-details). Der Student Learning Advisory Service der Universität bietet Handreichungen zu beinahe allen Themen der Sitzungen an, die wertvolle Anregungen für die eigene Arbeit liefern können (University of Kent, Student Learning Advisory Service. Time Management – Quick Guide. Microsoft Word file.).
Weiterführende Informationen zu den theoretischen Grundlagen finden sich unter: Parmar, D., & Trotter, E. (2005). Keeping our students: identifying factors that influence student withdrawal and strategies to enhance the experience and retention of first year students. Learning and Teaching in the Social Sciences, 1(3), 449-168.

Verallgemeinerbarkeit

Das Programm VALUE MaP richtet sich nicht an Studierende eines bestimmten Studiengangs und ist somit für alle älteren und Teilzeitstudierenden geeignet.