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Fachtagung “Barrierefreie Hochschullehre” der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) am 4. und 5. November 2015 in Berlin

Es ist noch früh am Morgen. Wir stehen am Nürnberger Hauptbahnhof und warten auf unseren Zug. Unsere Mission: Fachtagung Barrierefreie Hochschullehre am 04. und 05.11.2015, Leitung des Workshops „Neue Entwicklungen in der Hochschullehre – Chancen und Risiken für Studierende mit studienerschwerenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen“(hier die Präsentation zum Workshop). Es geht also nach Berlin!

Dort angekommen geht es zu Fuß zum Veranstaltungsort nach Berlin Mitte, dem Hotel Aquino Tagungszentrum der Katholischen Akademie.

Nach einer netten Begrüßung von Frau Jonas, unserer Co-Moderatorin von der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks, gibt es noch schnell einen Snack, bevor unsere Veranstaltung losgeht. Dabei treffen wir auf bekannte Gesichter aus der Hochschuldidaktik. Unsere Kollegen Alexander Fehr, Projektleiter von ProfiLehrePlus und Ingo Binder von der Uni Augsburg sind auch da. Außerdem treffen wir Timo van Treek, Hochschuldidaktiker und Vorstandsmitglied beim DGHD. Wir freuen uns über das Wiedersehen, denn meist haben wir nur wenig Zeit, mal in Ruhe miteinander zu plauschen. Das wird an diesem Abend aber noch nachgeholt! Zudem stellt sich heraus, dass Alexander und Timo Teilnehmer in unserem Workshop sind. Toll! Es kann also eine echte Begegnung zwischen Hochschuldidaktik und den Akteuren der Inklusion werden.

Schnell noch die Technik checken und den Raum vorbereiten: Beamer geht, Filme lassen sich abspielen, der Sound ist da, die Flipcharts sind bestückt, die Unterlagen ausgeteilt. Wir bekommen einen Roger-Pen und dem Hals gehängt, damit uns auch die Leute mit Hörbeeinträchtigung besser verstehen können.

Dann kommen die Teilnehmenden herein. Es ist ein kleiner Workshop. Dennoch: Engagierte Studierende, Lehrende, Forschende, Behindertenbeauftragte, E-Learning-Designer, Mitarbeiter vom Deutschen Studentenwerk und eben unsere Kollegen aus der Hochschuldidaktik sind dabei. Unter den Teilnehmenden befinden sich auch einige mit sensorischer Beeinträchtigung. Eine ungewohnte und spannende Erfahrung, vor allem, als sich der Roger-Pen nach einigen Minuten ins digitale Nirwana verabschiedet. Ab jetzt ist von den Lippen lesen angesagt. Deutlich, langsam und laut sprechen, Herr Dr. Jahn. Ich komme ins Schwitzen.

Wir geben eine kurze Einführung in die derzeitigen Teaching-Trends und zeigen einige Filme, in denen klar wird, was die „neuen“ Methoden von den Studierenden abverlangen. Projektbasiertes, forschendes, problembasiertes Lernen, Service Learning, aber auch das Aktive Plenum, MOOCS und inverted Classrooms. Es wird deutlich, dass diese Lehr-Lernformen zumindest teilweise andere Anforderungen an Studierende stellen als klassische Vorlesungen oder Seminare. Studierende müssen viel stärker selbstorganisiert, unter Verwendung digitaler Medien, lernen und in Gruppen authentische Probleme kooperativ lösen. Auch der Lehrende hat dabei eine neue Rolle. Er ist mehr Lernbegleiter als Fachwissenvermittler, gibt Hilfe zur Selbsthilfe, das ist sein Job. Wissenschaft lernt man eben durch Wissenschaft selbst am besten, so die Devise. Manche von den „Trends“ aber entpuppen sich als alter Wein in neuen Schläuchen, wie etwa die allermeisten der x-MOOCS, die auf einem antiquierten Lehr-Lernverständnis fußen: Kurze, zu konsumierende Video-Lernhäppchen, in denen der virtuelle Professor eine klassische Vorlesung gibt. Dann gibt es einen Multiple-Choice-Test – mit Feedback im günstigsten Falle- und das nächste Häppchen steht für den Lernkonsum schon bereit.

Nach dem dialogreichen Input diskutieren die Teilnehmenden aus ihren unterschiedlichen Perspektiven heraus, was das selbstgesteuerte, handlungsorientierte, kooperative und digitale Lernen für Chancen, aber auch für Risiken für die Studierenden mit Beeinträchtigung mit sich zieht. Viele Gestaltungsprinzipien für digitale Medien werden dabei herausgearbeitet, aber auch die Rolle des Lehrenden in den konstruktivistischen Lernsettings diskutiert. Durch die entstehenden Freiheiten kann er oder sie viel mehr als sonst individuell auf die diversen Lernenden eingehen. Und natürlich werden auch einige Probleme deutlich, die kontrovers diskutiert werden, sei es in den extensiven Selbstlernphasen oder aber beim kooperativen Lernen im Hinblick auf Studierende mit psychischen Beeinträchtigungen. Michael und ich können einiges neues durch die Diskussionen dazu lernen. Uns wird deutlich, dass die Hochschuldidaktik sich hier stärker engagieren muss. Deutlich wird aber auch, dass einige der Akteure die ganze Verantwortung für die Barrierefreiheit in der Lehre der Hochschuldidaktik zuweisen möchten, was sie derzeit aber sicher nicht leisten kann.

Abends gehen wir gemeinsam italienisch essen und beschnuppern uns weiter. Der Austausch zwischen Inklusionsvertretern und Hochschuldidaktikern wird dabei vertieft und das Mögliche transparenter gemacht.

Am nächsten Tag gibt es weitere spannende Vorträge und Diskussionen dazu, wie barrierefreie Hochschullehre aussehen kann. Beispielsweise zeigt Tanja Beck von der McGill University of Montreal, einer Eliteuniversität, auf, wie durch die konsequente Umsetzung des Konzeptes des universal learning designs barrierefreie Lehre möglich wird, sei es auf organisatorischer, architektonischer und didaktischer Ebene oder aber eben auch auf Ebene des Blickwinkels, wie den Studierenden begegnet wird. Diese Sichtweise fokussiert nicht die Beeinträchtigungen der Studierenden als Problem, sondern nimmt die unnötigen Barrieren beim Lernen, die es abzubauen gilt, in den Blick.

Unser Fazit: Der Tagungsbesuch hat uns für das Thema „Barrierefreie Lehre“ sensibilisiert. Wir haben als Hochschuldidaktiker viele neue Impulse erhalten und unser Perspektivenspektrum erweitert. Jedoch wurde auch deutlich, dass es noch Zeit braucht bis die Hochschuldidaktik dazu in der Lage ist, den Ansprüchen der Inklusion angemessen gerecht zu werden. Wie unser Engagement genau aussehen wird, wird die Zukunft zeigen, auf jeden Fall werden wir die Thematik im Rahmen unserer Möglichkeiten auf die Agenda setzen.