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Ein Prozessportfolio mit Methoden des reflexiven Schreibens und kooperativen Lernens bei Lehramtsstudierenden

Kurzinfos_FBZHL_16-2014-ZFHE-2013-8-124
Aus der Reihe: Schriften zur Hochschuldidaktik. Beiträge und Empfehlungen des Fortbildungszentrums Hochschullehre der Friedrich-­Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.  Elisabeth Paus & Regina Jucks, Universität Münster

Quelle

Zeitschrift für Hochschulentwicklung (FZHE), Jg. 8 / Nr. 1 (Januar 2013), S. 124-134 http://zfhe.at/index.php/zfhe/article/view/505

Problembeschreibung / Zieldefinition

Ein wesentlicher Bestandteil der Lehramtsausbildung ist die Bewusstwerdung, Bearbeitung und Veränderung von Lehr- und Lernvorstellungen der Studierenden. Hierfür sollte ein selbstreflexiver Prozess angestoßen werden, der den Studierenden ermöglicht, eigene didaktische Vorstellungen zu erkennen, zu analysieren und, falls nötig, zu verändern. An der Universität Münster wurde ein multimethodisches Portfolio-Konzept für Lehramtsstudierende eingesetzt, das reflexives Schreiben, kooperative Übungen und klassische Vorlesungssequenzen kombiniert. Dieser Ansatz eröffnete den Studierenden verschiedene Zugänge, sich mit den eigenen didaktischen Vorstellungen auseinanderzusetzen und diese ggf. zu verändern.

Herangehensweise / Lösungsansatz

An der Universität Münster wurde das Projekt erstmalig 2012 am Institut für Psychologie für Bildung und Erziehung mit 24 Lehramtsstudierenden mit Nebenfach Psychologie durchgeführt. Es wurde ein sogenanntes Entwicklungs- oder Prozessportfolio eingesetzt, das bei den Studierenden die Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit eigenen Überzeugungen anstoßen sollte. Bei einem Entwicklungs- oder Prozessportfolio liegt der Schwerpunkt zudem auf der Dokumentation von Veränderung, Entwicklung und Lernzuwachs. Das Portfolio wurde durch Vorlesungssequenzen und kooperative Übungen ergänzt. Erstere dienten der Vermittlung der theoretischen Grundlagen. Letztere ermöglichten den Studierenden, andere Sichtweisen kennenzulernen, mit den eigenen abzugleichen und diese dann ggf. anzupassen (zur vertieften theoretischen Beleuchtung der eingesetzten Methode siehe Originaltext). Umgesetzt wurde das Konzept für Lehramtsstudierende im Master of Education über ein Semester mit insgesamt 12 Terminen  á 1,5 Stunden. Es wird im Folgenden genau vorgestellt:

Der erste Termin diente dem Kennenlernen; es folgte eine Einführung in die Arbeit mit dem Portfolio. In den Selbstlernphasen sollten sich die Studierenden anhand von gezielten Fragen eigenständig mit ihren individuellen Lehrvorstellungen und dem dazugehörigen Unterrichtshandeln auseinandersetzen. Die erste Selbstlernphase fand in Sitzung 3 statt, in der die Studierenden gebeten wurden über ihr Rollenverständnis als Lehrende/r zu reflektieren, ihre Vorgehensweise bei der Unterrichtsgestaltung darzulegen sowie ihre persönlichen Ziele für die Portfolioarbeit herauszuarbeiten. Eine weitere Selbstlernphase folgte in Sitzung 8, um die im Seminar gewonnen Erkenntnisse und deren Einfluss auf ihr Verständnis von Unterrichtsgestaltung herauszuarbeiten. In den Theoriesitzungen 4-6 wurden Lern- und Lehrperspektiven, didaktische Methoden und das Verhalten von Lehrenden in Form von Vorträgen und Übungen im Plenum behandelt. Am Ende jeder dieser Sitzungen wurde den Studierenden Zeit zur Bearbeitung der jeweiligen Aufgabenstellung im Portfolio gegeben. Die Gruppenarbeiten (Sitzungen 7-11) enthielten jeweils zwei Aufgaben: Zunächst sollten die Studierenden sich zu ihren in der Selbstlernphase 1 herausgestellten Lehrkonzeptionen, ihrem Rollenverständnis und ihrem Lehrhandeln austauschen. Auf dieser Basis wurde dann in einem zweiten Schritt ein konkreter Unterrichtsplan zu einem gemeinsam gewählten Thema konzipiert. Die Ergebnisse der Gruppenarbeit wurden dann von den Studierenden in den Selbstlernphasen im Portfolio festgehalten sowie in Sitzung 12 im Plenum präsentiert. Abschließend erhielten die Studierenden die Gelegenheit, sich bei der Kursleitung Feedback zum eigenen Portfolio geben zu lassen.

Aufwand

Insgesamt ist das Konzept in Vorbereitung und Druchführung sowohl für die DozentInnen als auch für die Studierenden sicher nicht aufwändiger als ein klassisches Seminar. Die Zeiteinteilung ist flexibler als bei einer klassischen Vorlesung, da ein Teil der Sitzungen nicht im Plenum stattfindet.

Art der Evaluation, Erfolgsfaktoren und Resultate

An dem Pilotprojekt der Universität Münster nahmen zunächst 24 Lehramtsstudierende teil, die in eine Evaluation eingebunden wurden (für eine genauere Darstellung der Ergebnisse siehe Originaltext). Die Teilnehmenden bewerteten das Konzept insgesamt als positiv. Sie lobten v. a. die Arbeit am Portfolio, den Methodenmix, die didaktische Aufbereitung, Zeiteinteilung, Lerntempo und Schwierigkeit der Aufgaben sowie die Aufbereitung der Materialien.

Empfehlungen

Durch den Anteil an Selbststeuerung der Studierenden ist eine klare Strukturierung des Portfolios und eine ausführliche Einführung in die Portfolioarbeit (inhaltlich und methodisch) entscheidend.

Verallgemeinerbarkeit

Das Seminarkonzept wurde zwar eigens für Lehramtsstudierende entwickelt, kann auch in anderen Fächern eingesetzt werden. Das Konzept ist sicherlich in solchen Fächern hilfreich, die auf einen Beruf vorbereiten, wo es auf professionellen Umgang mit Menschen ankommt, z. B. in der Medizin, Psychologie, Pädagogik usw. Dabei müssen die Reflexionsfragen und die Aufgabe in der Gruppenarbeit an die jeweiligen Berufsperspektiven des Fachs angeglichen werden. Denkbar ist darüber hinaus auch eine Variante, die zur Reflexion und Auseinandersetzung mit Fachinhalten anregt.