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Tanja Gojny, Kathrin Kürzinger & Susanne Schwarz: Selfie – I like it. Anthropologische und ethische Implikationen digitaler Selbstinszenierungen

Rezensent:

Dirk Jahn, FBZHL

Originalliteratur:

Tanja Gojny, Kathrin Kürzinger & Susanne Schwarz: Selfie – I like it. Anthropologische und ethische Implikationen digitaler Selbstinszenierungen. Reihe Religionspädagogik innovativ Band 18. Stuttgart (Kohlhammer Verlag) 2016, ISBN 978-3-17-031496-2, 223 Seiten, EUR 32,00.

Quelle der Rezension:
Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning. 76. Erg.-Lfg. August 2018 www.personalwirtschaft.de/elearning


Sind sie nicht gutaussehend, trendy, verführerisch, anmutig, sportlich, erfolgreich oder cool? Führen sie nicht ein glückliches, begehrenswertes, gesundes, verrücktes, monetär gesegnetes, reichhaltiges Leben? Glaubt man den Selfie-Bilderwelten in den sozialen Netzwerken, so leben die meisten der digitalen „Freunde und Freundinnen“ gänzlich auf der Sonnenseite des Lebens. Selfies zu posten, zu kommentieren, zu bewerten oder weiterzuleiten gehört bei Jugendlichen und vielen Erwachsenen heute zu den ganz normalen Kommunikationspraktiken im Internet, um bestimmte Momente ihres Lebens mitzuteilen und sich selbst darzustellen. Doch was hat es mit den Selfies gesellschaftlich auf sich, nach welchen impliziten und expliziten Regeln verläuft die Selfie-Produktion und -Kommunikation und welche didaktischen Zugänge eröffnen sich aus der Auseinandersetzung mit der Selfie-Kultur für (religionspädagogische) Lehr-Lernsituationen?

Neun deutschsprachige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die meisten davon aus dem Bereich Religionspädagogik, wollen in dem neuen Sammelband aus der Reihe „Religionspädagogik innovativ“ diese und weitere relevante Fragen beantworten und das Selfie-Phänomen für den mediendidaktischen Unterricht fruchtbar machen. Zielgruppe des Buches sind damit vor allem Lehrende, aber auch alle Interessierten, die sich mit der Selfie-Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln beschäftigen wollen.

An Perspektivität fehlt es in den zehn unterschiedlichen Beiträgen des Buches nicht. Die Autorinnen und Autoren nähern sich der Selfie-Kultur beispielsweise aus medienwissenschaftlicher, empirischer, erkenntnistheoretischer, psychologischer, ideologiekritischer oder bild- und ritualtheoretischer Sichtweise an. Beispielweise stellen sie relevante Studien zur Selfie-Praxis vor, etwa zum Stellenwert von Selfies bei deutschen Jugendlichen, zur Art und Häufigkeit und Darstellungsmerkmalen bei Selfie-Präsentationen, zum Zusammenhang von Selfies und Narzissmus usw.[1] Sie analysieren sowohl die Seite der Selfie-Entstehung unter Berücksichtigung der Einbettung der Bilder in unterschiedliche soziale Netzwerke wie Instagram, Snapchat oder Facebook, thematisieren dabei aber auch die anschließende Kommunikationspraktiken des Kommentierens, (Dis-)Likens, Teilens etc. Auch die Seite der unterschiedlichen, bereits angesprochenen Plattformen, die sich das Bildmaterial einverleiben und für Werbezwecke nutzen, wird von den Autorinnen und Autoren kritisch in den Blick genommen. Dies alles geschieht stets unter anthropologischen und ethischen Fragestellungen, die nicht zuletzt darauf abzielen, den Anschlusspunkt zu Unterricht und Lehre herauszuarbeiten. Sind Selfies Gradmesser für persönliches Glück? Inwieweit sind sie hilfreich, um Themen wie Altern und Vergänglichkeit zu thematisieren oder Selbstkonzepte zu konstruieren und zu reflektieren? Sind die Selfie-Praktiken bereits durch die Konzepte der Kulturindustrie und anderen gesellschaftlichen Idealen der Leistungsgesellschaft imprägniert oder aber fördern sie die freie, persönliche Entfaltung, Selbstermächtigung und Teilhabe? Sind Selfies Ausdruck einer selbstverliebten Gesellschaft? Anhand von Fragen wie diesen schlagen die Autoren in jedem der Aufsätze die Brücke zur Didaktik. In manchen der Beiträge entstehen dadurch sogar konkrete Vorschläge für Unterrichtsabläufe, wie z. B. Selfies als Reflexionsmedien eingesetzt oder wie die Auswahl und Produktion von eigenen Selfies der Lernenden für bestimmte Lernziele genutzt werden könnten.

Das gehaltvolle Buch besticht durch seine Vielfalt, ohne dadurch aber beliebig zu werden oder sein didaktisches Anliegen aus dem Blick zu verlieren. Im Gegenteil: Die Autorinnen und Autoren beziehen sich an vielen Stellen wechselseitig auf die Beiträge der Mitautorenschaft und ergänzen ihre Pointen. Dubletten bleiben dadurch weitestgehend erspart. Theologische Konzepte und Bibelverweise kommen meist wohl dosiert zum Einsatz. Somit ist das gut lesbare und sehr gedankenreiche Buch auch für Lehrende ohne religionspädagogischen Bezug eine Bereicherung im Hinblick auf das didaktische Potential von Selfies – I like it!

 

[1] In interdisziplinären Forschungsprojekten wird dem Selfie-Phänomenen auf den Grund gegangen, wie z. B. in den Publikationen des Selfie-Research-Networks. Abrufbar unter http://www.selfieresearchers.com/