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Roberto Simanowski: Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft

Rezensent:

Dr. Uwe Fahr, FBZHL

Originalliteratur:

Roberto Simanowski: Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft. Berlin, Matthes & Seitz 2018, ISBN 978-3-95757-0, 304 Seiten, EUR 24,0.


In der Medienpädagogik ist es „im Prinzip“ schon lange bekannt, dass Medienbildung nicht allein aus einer gekonnten Mediennutzung, Medienkunde und Mediengestaltung, sondern auch aus einer Medienkritik besteht. Roberto Simanowski macht mit seinem Buch deutlich, was dies bedeuten kann. In drei Kapiteln entwickelt er sein Argument und zieht im Schlusskapitel die Konsequenzen daraus.

Das erste Kapitel beschreibt detailliert den Strukturwandel der Öffentlichkeit unter dem Einfluss der neuen Medien. Er zeigt auf, wie eine kritische informierte Öffentlichkeit sich unter diesem Einfluss wandelt in eine durch die Dichotomie von likes/dislikes getriebene Öffentlichkeit. Die bereits durch die traditionellen Medien wie Zeitungen und Fernsehen erzeugten Filterblasen werden drastisch verstärkt, die alten Gatekeeper werden beseitigt. Diese haben zwar immer auch bestimmte Denkweisen („Ideologien“) durchgesetzt, gleichzeitig aber auch für eine gewisse Qualität gesorgt. Die auf den Blickkontakt von Usern und Werbern ausgerichteten sozialen Medien haben jedoch einen Aufstand gegen diese Experten inszeniert, die letztlich dem Populisten Vorschub leistet. Anstelle von kritischer Urteilsfindung tritt so der Reflex von like/dislike. Das ermöglicht die Flucht vor den durch die komplexer werdende soziale Realität erzeugten kognitiven Dissonanzen.  Kapitel 2 zeigt auf, dass eine solche kritische Diskussion der Auswirkungen „nicht ernsthaft im Konzept der Medienbildung verankert ist“ (S. 175). Medienbildung wird eingeengt auf die gekonnte Mediennutzung und Medienkunde. Wahrgenommen werden bestenfalls noch problematische Folgen des Konsums von neuen Medien wie der Internetsucht.  Herausgearbeitet wird, wie die Schule auf diese Weise die Halbbildung befördert – hier knüpft Simanowski auch an den berühmten und viel zu wenig gelesenen Essay von Adorno an. Er arbeitet heraus, dass der Lehrer „ein Erzähler [ist], der die Elemente seines Wissens in einem Zusammenhang bringt, aus dem sich zu den jeweils behandelten Themen sinnvolle Assoziationen und Verbindungen ergeben […]“ (S. 110). Die Veränderung der Bildungsprozesse beseitigt diese Erzählerfunktion mit weitestgehend unerforschten Konsequenzen. Das 3. Kapitel arbeitet schließlich heraus, dass die Geisteswissenschaften sich wandeln zu digital humanities. Diese Digital Humanities, die nicht mehr allein Hilfswissenschaft sein will, sondern sich an die Stelle der alten gesellschaftskritischen Geisteswissenschaften setzt, will gerade nicht mehr die intensive Lektüre ermöglichen. Sie kopiert vielmehr das naturwissenschaftliche Methodenrepertoire, um harte Wissenschaft zu werden. So verliert sie denn auch ihr Bildungspotenzial und ihren kritischen Impetus.

Simanowski ist alles andere als ein traditionalistischer Vertreter einer vordigitalen Welt. Ganz im Gegenteil zeigt er an vielen Beispielen, wie Medienkritik mit einer gekonnten Mediennutzung im Unterricht kombiniert und so überhaupt erst ein kritisches Verständnis bei den Lernenden erzeugt werden kann. Simanowski stellt die zahlreichen Tendenzen der vorherrschenden Politik, das Lernen und die Bildung in Schule und Hochschule zu digitalisieren, kritisch in Frage. Dabei ist er nicht gegen die Digitalisierung, sondern für eine andere, kritische und reflektierte Digitalisierung. Er bringt den Eigensinn des Lernens und der Persönlichkeitsbildung in guter pädagogischer Manier in Erinnerung und erinnert daran, wie sehr diese der eigensinnigen Vertiefung in den Gegenstand bedarf. Dieses Buch ist ein höchst lesenswerter, anregender und dringend notwendiger Debattenbeitrag zur Digitalisierung der Hochschulen!