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Rafael Ball: Die pausenlose Gesellschaft. Fluch und Segen der digitalen Permanenz.

Rezensentin: Alessandra Kenner, FBZHL
Originalliteratur: Ball, Rafael: Die pausenlose Gesellschaft. Fluch und Segen der digitalen Permanenz. BALANCE Buch + Medien Verlag, ISBN 3867391068, 120 Seiten, EUR 16,99
Quelle: Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning. 56. Erg.-Lfg. April 2015, S. 215f. www.personalwirtschaft.de/elearning
Die Beschleunigung durch die Digitalisierung und die neuen Medien nimmt Einfluss auf die Berufswelt und das Privatleben unserer Gesellschaft. Dabei ist ein wirkliches „Abschalten“ im doppeldeutigen Sinne kaum noch möglich: Kommunikationswege, Kollaborationen und Informationsbeschaffung verlaufen parallel – wir leben die digitale Permanenz. Dies birgt neue Chancen, beispielweise die unkomplizierte Vernetzung mit anderen oder neue Lernarrangements, aber auch Risiken, wie das Gefühl von Dauerstress, Unkonzentriertheit und scheinbar verrinnender Zeit. Auch Personalverantwortliche und Ausbilder sollten im Zuge des Ausbaus ihrer eigenen Medienkompetenz für das Thema sensibilisiert werden.
Rafael Ball – promovierter Biologe, Wissenschaftshistoriker und Philosoph, heute Direktor der Universitätsbibliothek Regensburg – geht in seinem Buch „Die pausenlose Gesellschaft“ der digitalen Permanenz auf den Grund. Sein Ziel ist die wertefreie Analyse des Phänomens sowie Antworten auf die Frage zu finden, wie sich das Denken und Handeln der Menschen dadurch verändert. Nach der Lektüre soll der Leser befähigt sein, eine eigene kritisch-konstruktive Position zum Thema einzunehmen. Das Buch ist in der Reihe „Wissen & Leben“ erschienen, das Wissenschaftlern eine Plattform zur Aufarbeitung anspruchsvoller Themen in unterhaltsamer Weise geben soll.
Nach einer einleitenden Begriffsklärung und Definition des Zeitalters der digitalen Information und Kommunikation widmet sich der Autor theoretisch-philosophisch dem Thema Zeit und Beschleunigung. Es folgt das Herzstück des Buches: Das Zeitalter der digitalen Permanenz in Beispielen. Fernsehen, Zeitung und Newsticker werden ebenso vor dem Hintergrund der digitalen Permanenz beleuchtet wie Kindererziehung, Soziale Netzwerke, das Feierverhalten junger Leute, Bücher und Bibliotheken sowie Big Data. Das Sachbuch schließt mit einem Fazit und Ausblick.
Positiv hervorzuheben ist neben der klaren Sprache und dem hohen Unterhaltungswert des Buches besonders der philosophisch fundierte theoretische Einstieg in das Thema Digitale Permanenz. Insbesondere das Kapitel „Zeit und Beschleunigung“ regt zum Nachdenken an, wie sich durch neue Medien und der Parallelität von Handlungen Lebenszeit verdichtet und uns beschleunigt scheint. Die Einbettung in einen historischen Rahmen gibt der Leserschaft ein gutes Verständnis, wie technische Neuerungen im Laufe der Geschichte von der Gesellschaft empfunden wurden – und dass letztendlich das aktuelle Gefühl der Schnelllebigkeit kein historisch Neues ist, sondern sich wiederholt.
Etwas willkürlich scheinen die Beispiele herausgegriffen worden zu sein, an denen die digitale Permanenz verdeutlicht wird. Der Autor legt einen starken Fokus auf Zeitung, Bücher und Bibliotheken, lässt aber beispielsweise die Veränderung der Arbeitswelt oder Unterricht durch ständige Erreichbarkeit außen vor. Eine größere thematische Bandbreite hätte das Buch sicher bereichert.
Das Ziel, die aufgegriffenen Beispiele einer objektiven Analyse zu unterziehen, gelingt dem Autor nicht immer. So stellt er die These auf, dass die junge Generation im Zeitalter der digitalen Permanenz nicht mehr fähig sei sich festzulegen. Deshalb sei sie nun nicht mehr in der Lage, sich einen Abend auf eine Freizeitaktivität einzulassen. „Fluchtmenschen“ (S. 64), gar „Sklaven pausenloser Verfügbarkeit“ (S. 66) ziehen laut Ball durch die Straßen, immer auf der Suche nach der besseren Alternative. Ebensolche Aussagen sind spekulativ, nicht belegt und in dieser Form überzogen. Insofern findet sich leider in einigen Buchpassagen der eingangs kritisierte Mahner des Digitalen im Autor wieder. In seinem Abschlusskapitel fällt Balls Fazit jedoch weniger scharf und deutlich differenzierter aus.
Zusammenfassend bietet das Buch einige interessante Denkanstöße für den eigenen Umgang mit Zeit und Beschleunigung und trägt so einen Beitrag zum Ausbau der Medienkompetenz des Lesers bei. Die Brücke zur Unterrichts- und Arbeitswelt muss der Leser jedoch selbst schlagen, ebenso wie einen kritischen Umgang mit dem Themenkomplex an sich, sowie der nicht immer wertefreien Meinung des Autors.