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Lovink, Geert: Das halbwegs Soziale: Eine Kritik der Vernetzungskultur.

Rezensent: Dirk Jahn, FBZHL

Quelle: Wilbers, K. (Hrsg.): Handbuch E-Learning. www.personalwirtschaft.de/elearning

Originalliteratur: Lovink, Geert: Das halbwegs Soziale: Eine Kritik der Vernetzungskultur. Bielefeld (transcript Verlag) 2012, ISBN 978-3837619577 , 232 Seiten, EUR 22,80.

Karl Marx schrieb einst als Warnung vor einer einseitigen, entfremdenden, da rein auf Gewinnmaximierung angelegten Lebensweise:

„Je weniger du ißt, trinkst, Bücher kaufst, in das Theater, auf den Ball, zum Wirtshaus gehst, denkst, liebst, theoretisierst, singst, malst, fichtst etc., um so [mehr] sparst du, um so größer wird dein Schatz, den weder Motten noch Raub fressen, dein Kapital

(Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844). Heute lässt sich das Zitat unter Berücksichtigung der Kritik an der Internetkultur wie folgt anpassen:

Je mehr du postest, verlinkst, teilst, Suchanfragen stellst, Gefällt-mir-Angaben machst, blogst, tagst, tweetest (…), um so transparenter wirst Du für die Betreiber der sozialen Netzwerke, um so zielgenauer und intensiver wirst Du umworben, um so passender werden die Inhalte des Internets für Deine Bedürfnisse ausgewählt und um so reicher und mächtiger werden die sozialen Netzwerke und Online-Dienste, während dein Leben ärmer und einfältiger wird.“

In den letzten Jahren ist verstärkt Kritik wie diese an der Vernetzungs- und Internetkultur von verschiedenen Seiten formuliert worden. Der niederländisch-australische Medienwissenschaftler Geert Lovink hat nun ein Buch geschrieben, in dem verschiedene kritische Analysen zur Nutzung von Online-Diensten gesammelt, differenziert und eigene kritische Betrachtungen und Untersuchungen angestellt werden.

Das Buch ist sowohl an Lehrende, die sich mit der Nutzung und Bedeutung neuer Medien befassen als auch an alle interessierten Nutzer von Online-Diensten wie Google oder Facebook gerichtet, die sich mit den Auswirkungen der Vernetzungskultur auseinandersetzen wollen.

Das Buch besteht aus mehreren, eigenständigen Abschnitten, die teilweise auch bereits als gesonderte Veröffentlichungen publiziert wurden. Durch diesen eher fragmentarischen Charakter ist das Werk nicht systematisch. Dennoch deckt Lovink viele relevante Aspekte in seiner Internetkritik ab: In den Analysen werden z. B.  Themen wie Nutzung von Suchmaschinen, Blogging, digitales Radio, Wiki-Leaks, Online-Videos, Informationsüberflutung oder Medienaktivismus multiperspektivisch und kritisch-konstruktiv behandelt.

Dabei bezieht sich Lovink jeweils auf viele andere kritische Schriften und ordnet die hier formulierte Kritik in seine Argumentationslinien ein. Die Kritik von Lovink bleibt dabei nicht rein negativ, wie dies bei einigen, auch populären Autoren der Fall ist. Mögliche Chancen, bestehende Vorteile und konstruktive Vorschläge zur besseren Nutzung der jeweiligen Medien werden diskutiert. Dennoch fallen die Einschätzungen eher ernüchternd aus.

Ergiebige und interessante Gedanken werden dabei von Lovink insbesondere über die Mechanismen der Partizipationskultur, über das Konzept der Medienkompetenz (auch gezielt „abschalten“ können) oder über die Qualität von Blogs in Deutschland, Frankreich und im Iran vorgetragen. Statistische Daten oder Ergebnisse aus empirischen Untersuchungen werden hierzu jedoch nur teilweise als Belege einbezogen. Dafür aber kommen viele Experten und Expertinnen zu Wort, die der Autor befragt hat.

Lovinks Kritik ist stark darin, verschiedene und reichhaltige Perspektiven auf bestimmte Phänomene der Vernetzungskultur anzustellen, zu differenzieren, dabei auch konstruktive Sichtweisen auszuloten und dazu wichtige Ideen zu formulieren. Darin ist sie aber auch gleichzeitig voraussetzungsvoll: Es werden viele Fremdwörter benützt und deren Bedeutung oftmals nicht erklärt. Gleiches gilt für einige Medien- oder Gesellschaftstheorien, auf die sich der Autor bezieht. Weiterhin ist die verwendete Sprache an einigen Stellen durch eine intellektualisierende, essayistische und pathetische Note und dem häufigen Gebrauch rhetorischer Fragen gewöhnungsbedürftig.

Fazit: Ein tiefsichtiges, vielfältiges, lesenswertes und interessantes Buch mit kleineren Einschränkungen.