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Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst.

Rezensent: Sebastian Honert, ILI

Originalliteratur:

Kucklick, Christoph: Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst. Berlin (Ullstein) 2015 (2. Auflage) ISBN 973-3-550-08076-0, 272 Seiten, EUR 18,00.

Quelle der Rezension:
Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning. 64. Erg.-Lfg. August 2016 www.personalwirtschaft.de/elearning


Seit einigen Jahren werden wir Zeuge einer ganzen Reihe von technologischen Innovationen in den Bereichen Digitalisierung, Automatisierung und Big Data. Die damit einhergehenden Veränderungen wirken sich unmittelbar auf unser Selbst- und Weltbild aus, und damit auf unsere Vorstellungen von Wissen, Lernen und Bildung. Christoph Kucklick, promovierter Soziologe und Chefredakteur von GEO, hat mit Die granulare Gesellschaft (2014) eine Arbeit vorgelegt, die diesen Veränderungen auf die Spur kommen möchte. Zwar handelt es sich nicht um eine explizit lern- und bildungstheoretische Arbeit. Doch hilft die sehr zugängliche populärwissenschaftliche Monographie auch Interessierten ohne thematisches Vorwissen dabei, die Konsequenzen der aktuellen Digitaltechnologien für unser Leben und einen sich wandelnden Bildungsbegriff besser zu überblicken.

Im Mittelpunkt von Kucklicks Arbeit steht das Konzept der Granularität. Gemeint ist damit die mit Hilfe von immer leistungsfähigeren digitalen Aufzeichnungs- und Analyseverfahren rasant wachsende Beobachtungsschärfe. Die daraus folgende „Granularisierung“ nahezu aller Lebensbereiche wird von Kucklick entlang zahlreicher alltagsrelevanter Beispiele aus den Gebieten Medizin, Politik, Soziologie und Bildung unter Abwägung von Vor- und Nachteilen detailliert und nachvollziehbar ausbuchstabiert. Dabei ergeben sich inhaltliche Parallelen zu Erik Brynjolfssons und Andrew McAfees ebenfalls 2014 erschienener Veröffentlichung The Second Maschine Age, in der die Autoren Möglichkeiten und Grenzen der state of the art Digitaltechnologien aufzeigen.

Statt den Computer als reines Lerninstrument zu beschreiben, betont Kucklick dessen Funktion als Lernpartner. Wenn es darum geht, Probleme zu lösen, erweise sich weder der Mensch noch die Maschine allein, sondern die Kooperation von Mensch und Maschine in vielen Bereichen als effektivste Strategie. Die computergestützte Datenanalyse werde es in Zukunft ermöglichen, konkrete Lernsituationen, Lernstrategien und Lerninhalte im Rahmen variabler Feedbackimpulse individuell zu optimieren.

Immer leistungsstärkere Computer produzieren eine kaum mehr zu bewältigenden Datenflut, die sich – wenn überhaupt – nur noch durch den Einsatz intelligenter Algorithmen bändigen und interpretieren lassen. Eine der größten Herausforderungen besteht Kucklick zufolge darin, den Überschuss disparater Informationspartikel sinnvoll miteinander zu kombinieren.

Ausgehend von dieser These bricht Kucklick eine Lanze für das Lernen mit und durch Computerspiele. Gerade Computerspiele seien „eine Art Trainingsparcours für den granularen Menschen“. Indem Computerspiele im besten Fall die Spielenden dazu animieren, zielführende Lösungsstrategien für komplexe Problemstellungen zu entwickeln, eigneten sie sich besonders gut dazu, die Schwierigkeiten im Umgang mit einer zunehmend granularen Wirklichkeit zu meistern. Der Computer wird vom passiven Lernmittel zu einem aktiven Sparringspartner, der die Lernenden spielerisch an den Rand ihrer Möglichkeiten führt.

Vor diesem Hintergrund ist die Auseinandersetzung mit aktuellen Digital- und Computertechnologien innerhalb des Bildungsbetriebs nicht nur sinnvoll, sondern geboten. Zwar finden sich in Die granulare Wirklichkeit keine direkten Handlungsanweisungen. Dennoch ist die Lektüre für all jene hilfreich, die die Konsequenzen des digitalen Wandels im Blick behalten müssen, um angemessen darauf zu reagieren. Die Herausforderung besteht für Lehrende und Lernende gleichermaßen darin, mit den beschleunigten technologischen Innovationszyklen Schritt zu halten. Kucklicks Buch ist ein klarsichtiger, optimistischer Appell, diesen Anspruch ernst zu nehmen – nicht als Bedrohung, sondern als Chance.