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Studentisches Peer-Feedback zum Verfassen von Texten: Rückmeldungen von Studierenden an Studierende

Kurzinfos_ZiLL_24-2014-peer-feedback

Aus der Reihe: Schriften zur Hochschuldidaktik. Beiträge und Empfehlungen des Fortbildungszentrums Hochschullehre der Friedrich-­Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Autor: Robert S. Rubin, DePaul University, USA

Quelle

Rubin, R. S. (2006). The academic journal review process as a framework for student developmental peer feedback. Journal of Management Education, 30, 378-398.

Problembeschreibung / Zieldefinition

Studierende erwarten ausführliche Rückmeldungen (feedback) auf die von ihnen verfassten Seminararbeiten. Aus Studierendensicht ist es optimal, Rückmeldungen auf Vorversionen der Arbeiten zu erhalten, um so vor der Bewertung noch nachbessern zu können. Diese Praxis ist in vielen Studiengängen üblich und trägt zur Motivation und zum Lernerfolg der Studierenden bei. Insbesondere in Studiengängen mit hohen Studierendenzahlen sind Lehrende dazu zeitlich jedoch kaum in der Lage.

Studentisches Peer-Feedback kann hier eine Alternative sein. Es hat zum Ziel, den Studierenden ausführliche Rückmeldungen zu ermöglichen und gleichzeitig den Zeitaufwand für die Lehrperson im Rahmen zu halten. Zugleich lernen Studierende so nicht nur das Verfassen von Arbeiten, sondern auch deren Begutachtung.

Herangehensweise / Lösungsansatz

Im zitierten Beispiel wird der kollegiale Begutachtungsprozess (Peer-Review-Prozess) wissenschaftlicher Fachzeitschriften im Seminar modelliert. Die Studierenden sind zugleich AutorInnen eigener Texte und GutachterInnen der von ihren KommililtonInnen erstellten Texte. Die Lehrperson hat die Rolle des Herausgebers. Es wird eine doppelt blinde Vorgehensweise gewählt: Weder wissen die AutorInnen, wer sie begutachtet, noch wissen die GutacherInnen, wen sie begutachten.

Abbildung24-feedback

Abbildung 1: Aufgaben der Gruppe und der Lehrperson im Rückmelde-Prozess (vgl. Rubin, 2006, S. 385)

Der Begutachtungsprozess läuft wie folgt ab (vgl. Abbildung 1): Gruppen von Studierenden (im Beispiel: Vierergruppen) reichen ihren Text bei der Lehrperson ein. Um den Lerngewinn zu maximieren, sind die Studierenden aufgefordert, bereits nach zwei Dritteln des Semesters weitgehend, aber noch nicht vollständig fertige Texte einzureichen.

Die Lehrperson leitet die Texte anonymisiert an mehrere – im Beispiel vier – einzelne Studierende weiter, die dann innerhalb von zwei Wochen schriftliche Gutachten zu diesen Texten bei der Lehrperson abgeben. Dazu greifen sie auf die von der Lehrperson erstellten Richtlinien zurück (vgl. Tabelle 1).

Die Gutachten leitet die Lehrperson, ebenfalls anonymisiert, an die KommilitonInnen weiter, die dann zwei Wochen Zeit haben, die endgültige, optimierte Version einzureichen.

Da das Lernen aus den Gutachten im Vordergrund stehen soll, sollte das Qualitätsurteil der KommilitonInnen auf die Vorversion nicht in die Note der AutorInnen der begutachteten Texte eingehen. Als Anreiz für die GutachterInnen sollte stattdessen die Qualität der Gutachten zu einem geringen Prozentsatz in die Note der GutachterInnen eingehen. Zusammen mit der anonymen Begutachtung ist so weitgehend gewährleistet, dass weder Gefälligkeitsgutachten eingehen, noch vollkommen unsachliche Gutachten erstellt werden.

Beispiel für Begutachtungs-Richtlinien

Erfüllung grundlegender Anforderungen

  • Erfüllt das Projekt die im Seminar besprochenen inhaltlichen Minimalstandards? Falls nicht: Was fehlt?

Beurteilung des Inhalts

  • Wird das Thema klar oder bleibt es etwas verschwommen?
    Fassen Sie kurz die Kernaussagen zusammen.
  • Diskutiert die Gruppe ihr Thema hinreichend gründlich? Vervollständigen Sie den Satz: „Ich wüsste gern mehr darüber …“ Was lässt sich hier verbessern?
  • Besteht eine klare Verbindung zwischen dem Thema, das zu Beginn der Arbeit vorgestellt wird, und der Bearbeitung dieses Themas im Rest der Arbeit? Wenn nein, beschreiben Sie, inwiefern diese Verbindung unzureichend ist.

Rückmeldungen zum Prozess

  • Wie klar werden die Informationen präsentiert? Markieren Sie alles farblich, was Sie nicht verstehen, was Sie zweimal lesen mussten, oder was Ihnen deplatziert vorkam. Markieren Sie alle (tatsächlichen oder mutmaßlichen) Fehler in Rechtschreibung und Grammatik in einer weiteren Farbe.
  • Hat die Gruppe korrekt zitiert? Wird deutlich, welche Quellen den einzelnen Informationen zugrunde liegen? Kommentieren Sie mit dem Wort „Quellenangabe“, wenn Sie denken, dass eine solche Angabe nötig wäre, aber nicht vorhanden ist.
  • Konnten Sie die Forschungsmethoden der Gruppe anhand der Beschreibungen im Text nachvollziehen? Fassen Sie kurz zusammen, welche Schritte die Gruppe vollzogen hat, um das Projekt zu bearbeiten.
  • Hat die Gruppe ggf. ethische Aspekte hinreichend berücksichtigt?
  • Bildet das Projekt eine Einheit oder wirkt es, als bestehe es aus mehreren unverbundenen Teilen? Benennen und beschreiben Sie ggf. diese Teile. Schlagen Sie Überleitungen vor, die diese Teile besser miteinander zu verbinden helfen.

Gesamteindruck

Was wäre ausgehend von den obigen Anmerkungen ihre Gesamtbeurteilung? Bitte benutzen Sie die folgende Skala:

  • Erfordert sehr umfangreiche Nacharbeiten und viele größere Änderungen.
  • Benötigt einige Nacharbeiten, davon jedoch nur wenige größere.
  • Erfordert bis auf kleinere Änderungen nur wenige Nacharbeiten.

Hinweise zur Selbstbewertung des Gutachtens

Lesen Sie ihren Rückmelde-Text Korrektur. Ist Ihr Text:

  • Spezifisch? Fügen Sie Seitenzahlen, Abschnitte etc. ein, um die Gruppe bei der Überarbeitung zu unterstützen.
  • Schädlich oder hilfreich? Ein ausgewogenes Gutachten umfasst sowohl positive als auch negative Kommentare. Negative Kommentare sollten konstruktive Vorschläge beinhalten.
  • Projektbezogen? Fokussieren Sie sich auf das Projekt, nicht auf die Autoren.

Um den Aufwand in Grenzen zu halten, wird die Analogie zum Vorgehen bei Fachzeitschriften im dargestellten Beispiel nicht vollständig durchgehalten. So gibt die Lehrperson keine zusammenfassende Stellungnahme im Sinne eines Herausgebers, und es wird keine revidierte Fassung mit Begleitschreiben eingereicht und erneut begutachtet.

Aufwand

Im Seminar: Die Methode muss vorgestellt werden (ca. 30 min) und die Studierenden müssen die Gutachtenerstellung einüben (zwei weitere Einheiten à 45 min). Außerhalb des Seminars: Der Begutachtungsprozess muss organisiert werden, die Checklisten für die GutachterInnen angepasst und die Qualität der Gutachten überwacht werden (keine Angaben bei Rubin, 2006. Schätzung: ca. 3 Stunden pro Woche).

Diesem Aufwand steht jedoch eine Zeitersparnis gegenüber, die daraus resultiert, dass die Lehrperson den Studierenden nicht direkt Feedback auf die Projektarbeiten geben muss. Insgesamt ist die Methode damit vor allem für solche Veranstaltungen geeignet, in denen Vorab-Feedback an die Studierenden im Seminarkonzept vorgesehen ist.

Art der Evaluation, Erfolgsfaktoren und Resultate

Zur vorgestellten Methode legt Rubin (2006) erste Evaluationsergebnisse vor: 62 Studierende beurteilten per Fragebogen, wie sie (1) die Nützlichkeit der Rückmeldungen der KommillitonInnen einschätzen und wie sie sich (2) ihrer Rolle als GutachterInnen gewachsen fühlten. Die Ergebnisse zu beiden Aspekten fielen durchwegs positiv aus. Die Studierenden berichteten über ihre Rolle als AutorInnen beispielsweise, dass sie durch das Feedback einen guten Eindruck davon bekommen hätten, wie ihre Gruppenarbeit auf Außenstehende wirkt, dass die Rückmeldung ihnen geholfen habe, zielgenau Verbesserungen am Text vorzunehmen und dass die Aussicht auf Rückmeldungen sie dazu motiviert habe, den Text gut vorzubereiten. In ihrer Rolle als GutachterInnen berichteten die Studierenden beispielsweise, dass sie die Begutachtung als gute Übung zum Äußern konstruktiver Kritik gesehen hätten, dass sie keine Probleme mit der Äußerung von Verbesserungsvorschlägen gehabt hätten und dass sie während der Begutachtung auch auf Fehler im eigenen Projekt aufmerksam geworden seien.

Für die Lehrenden sieht Rubin (2006) mehrere Vorteile des Verfahrens: Erstens seien Rückmeldungen der KommilitonInnen gut dazu geeignet, bei den Studierenden persönliche Verantwortungsübernahme für die eigenen Fehler zu erzeugen, während Kritik von Lehrenden an Grammatik, Zitationen oder anderen Details häufig auf Widerstände stoße. Zweitens würden Rückmeldungen der KommilitonInnen nicht so leicht „ausgeblendet“ wie zwischenzeitliche Hinweise der Lehrperson auf die Projektanforderungen. Und drittens sei es für die Lehrenden erheblich weniger aufwändig, kurze Gutachten zu korrigieren als lange Projektberichte.

Empfehlungen

Beim Einsatz der Methode gilt es, mehrere Fallstricke zu vermeiden: Das Verfassen schriftlicher Gutachten muss im Seminar eingeübt werden, ohne dass die Möglichkeit zum Erwerb fachspezifischer Seminarinhalte zu kurz kommt. Die Lehrenden müssen destruktive oder zu unkritische Gutachten rechtzeitig erkennen und die Studierenden zu deren Überarbeitung motivieren. Schließlich ist Sorgfalt bei der Erstellung der Checklisten für das Schreiben der Seminararbeiten und der Gutachten zu legen.

Verallgemeinerbarkeit

Das Beispiel stammt aus den Wirtschaftswissenschaften, ist aber grundsätzlich auf andere Fächer übertragbar. Es ist in allen Veranstaltungen anwendbar, in denen Seminararbeiten verfasst werden. Besonders geeignet sind kleinere empirische Arbeiten, beispielsweise Berichte in experimentellen Praktika in der Psychologie. Je länger die verfassten Texte, desto eher lohnt sich der Aufwand für das Begutachtungsverfahren.