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Jörg Dräger & Ralph Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können.

Rezensentin: Ramona Rappe, FBZHL

Originalliteratur:

Jörg Dräger & Ralph Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. München, Deutsche Verlags-Anstalt 2015, ISBN 978-3421047090, 240 Seiten, EUR 17,99.

Quelle der Rezension:
Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning. 63. Erg.-Lfg. Juni 2016 www.personalwirtschaft.de/elearning


Die mediale Berichterstattung über die Digitalisierung von Lehr-/Lernarrangements ist zum jetzigen Zeitpunkt vor allem eines: kontrovers. Fürchten die einen den Missbrauch und/oder Verkauf der auf den einschlägigen Plattformen erhobenen Daten, prophezeien die anderen die bevorstehende Realisierung des Humboldt‘schen Bildungsideals, da Lernen flexibilisiert und individualisiert wird. Aktuelle Studienergebnisse deuten allerdings darauf hin, dass MOOCs & Co. eher zur Verfestigung sozialer Ungleichheiten beitragen, anstatt die erhoffte Demokratisierung von Bildung zu fördern. Einigkeit besteht zumindest darüber, dass die Revolution unabwendbar bevorsteht. Wie soll also mit diesen tiefgreifenden, strukturellen Veränderungen umgegangen werden?

Die beiden Autoren Jörg Dräger, Bildungsexperte sowie Vorstand der Bertelsmann Stiftung und Ralph-Müller-Eiselt, Bildungsforscher der Bertelsmann Stiftung, plädieren dafür, digitale Bildung nicht einfach als Ersatz für analoge Bildung zu begreifen. Ziel sollte es vielmehr sein, diese Sphären sinnvoll miteinander zu kombinieren, um den bisher scheinbar unvereinbaren Forderungen nach einem günstigen und für alle zugänglichen Bildungsangebot auf der einen Seite und der individuellen Passgenauigkeit auf der anderen Seite gerecht werden zu können. Die Digitalisierung bietet aus ihrer Sicht sehr wohl die große Chance, die noch immer persistente Verflechtung von Lernerfolg und sozialem Milieu zu überwinden. Grundlegende Voraussetzung dafür sind jedoch entsprechende politische Interventionen, die geeignete Rahmenbedingungen für die egalitäre Teilhabe aller Gesellschaftsschichten schaffen.

Das Buch gliedert sich in drei Bereiche. Im „Auftakt“ werden zentrale Akteure mit ihren innovativen Ideen vorgestellt und so der auf die Bildungslandschaft wirkende Veränderungsdruck begründet. Die beschriebenen „Szenen“ handeln von mit der Etablierung digitaler Bildung einhergehenden Chancen und Möglichkeiten. Der „Ausblick“ wiederum beinhaltet neben den Risiken von Big Data und einer Prognose zur Systemtransformation der Bildungslandschaft auch aus den vorherigen Ausführungen abgeleitete Handlungsempfehlungen zur chancengerechten Gestaltung der Digitalisierung.

Insgesamt bietet das Buch einen guten Überblick über aktuelle Trends und Diskussionen im Bereich der (Hoch-)Schullandschaft und des Arbeitsmarktes. Ergänzt durch zahlreiche, vor allem aus dem US-amerikanischen Raum stammende Beispiele, wird der Leserschaft verdeutlicht, welche enormen Potentiale Deutschland beispielsweise in Bezug auf die Identifikation individuell passender (Weiter-)Bildungsangebote und ausgefeilte Matchingprozesse zwischen Arbeitssuchenden und entsprechenden Stellenangeboten bisher weitgehend ungenutzt lässt. Da die notwendigen Entscheidungen zur Wegebnung sich allerdings zuerst auf politischer Ebene abspielen müssen, dient die Lektüre Lehrenden, Recruitern und Dozierenden wohl vor allem dazu, einen Blick in ein realistisches Zukunftsszenario zu wagen, anstatt konkrete Tipps zur Gestaltung der beruflichen Praxis zu liefern.

Da das Autorenteam der Bertelsmann Stiftung angehört und der Medienkonzern Bertelsmann bekanntermaßen hohe Summen in das als Good-Practice-Beispiel präsentierte E-Learning-Start-Up Udacity investiert, bleibt fraglich, wie objektiv die Darstellungen von Dräger und Müller-Eiselt wirklich sind. Angesicht der hohen Abbruchquote räumt selbst Sebastian Thrun, CEO von Udacity, mittlerweile ein, dass der Stellenwert menschlicher Interaktionen und persönlicher Betreuung für den Lernerfolg nicht mehr länger unterschätzt werden darf.