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John Erpenbeck & Werner Sauter: Kompetenzentwicklung mit humanoiden Computern.

Rezensent: Dirk Jahn, FBZHL

Originalliteratur:

Erpenbeck, John; Sauter, Werner: Kompetenzentwicklung mit humanoiden Computern. Die Revolution des Lernens via Cloud Computing und semantischen Netzen. Wiesbaden (Springer Gabler) 2015, ISBN 978-3658099343, 56 Seiten, EUR 9,99.

Quelle der Rezension:
Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning. 63. Erg.-Lfg. Juni 2016 www.personalwirtschaft.de/elearning


Im fünften Teil der Blockbuster Reihe Terminator, der unlängst in den Kinos zu sehen war, bahnt sich der sogenannte Judgement-Day, also jener Tag, an dem eine eigenständig agierende, künstliche Superintelligenz auf den Plan tritt und den Menschen den Krieg erklärt, bereits im Oktober 2017 an. Genesis heißt der Supercomputer, der alle smarten Maschinen, Endgeräte, Produktionsanlagen, Roboter, Wearables, Waffensysteme usw. miteinander vernetzt, kontrolliert und gegen die Menschheit richten wird. Was folgt, ist das „düstere Zeitalter“, in dem der Mensch von den Maschinen geknechtet und nahezu ausradiert wird. Dass die Zukunft im Zeichen des wachsenden Einflusses der künstlichen Intelligenz in allen Lebensbereichen nicht zwangsläufig derart düster ausfallen muss, zeigen die E-Learning- und Kompetenzentwicklungsexperten John Erpenbeck und Walter Sauter in einer neuen Publikation.

Zum Auftakt des Buches führen die Autoren gleich in die Zukunft der Kompetenzentwicklung im Jahr 2025 ein. Die Revolution des Lernens, so die Prognose, habe sich dann bereits vollzogen. Lernen findet selbstorganisiert, an realen, komplexen Problemstellungen „on-the-job“ statt, mit hochgradig motivierten Lernenden, die, emotional “labilisiert“, ihre kognitiven Dissonanzen beheben möchten. Vernetzt in virtuellen und digital erweiterten Realitäten arbeiten und lernen sie an komplexen Problemlösungen in ihrer Praxis. Smarte „Human Computer“ werden in diesem Setting als Lernbegleiter und Coaches eingesetzt, die den Problemlösern zur Seite stehen. Diese analysieren beispielsweise das Handeln der Lernenden, bewerten es, geben darauf zielgerichtetes Feedback oder beraten bei heiklen, zu treffenden Entscheidungen. Die Computer als künstliche, lernende Intelligenzen sind dem Menschen dabei haushoch überlegen. Nicht nur, dass die Rechenleistung der Computer die menschlicher Gehirne um ein Vielfaches übersteigt. Diese Computer des Semantic Web haben auch die Hoheit im Bereich der Zuschreibung von Sinn und Bedeutung übernommen und können beispielsweise Urteile viel fundierter und analytischer treffen als der Mensch. Im Weiteren zeichnen Sauter und Erpenbeck die Spuren dieser Revolution des Lernens und Lehrens nach, von heute, zum Lernen morgen bis hin zur besagten “dritten Kopernikanischen Wende“ im Jahr 2025. Dabei werden auch derzeitige, webbasierte Trends in Aus- und Weiterbildung wie MOOCs, Gamification, Serious Games, Open-Educational Resources, Lernen in der Cloud, Learning Analytics, Mobile oder Micro-Learning aufgegriffen und im Rahmen der Kompetenzentwicklung diskutiert.

Ziel der knappen Schrift ist es, Möglichkeiten zur Gestaltung des Lernens im betrieblichen Kontext, die sich jetzt schon eröffnen, zu antizipieren und für die Praxis in Form von konkreten Gestaltungsempfehlungen fruchtbar zu machen. Das Buch ist primär an Entscheider und Gestalter betrieblicher Bildungssysteme wie z. B. Geschäftsführer, Studierende der Wirtschaftswissenschaften, Trainer und Coaches gerichtet, jedoch spricht es auch in weiteren Bereichen Bildungsverantwortliche und -gestaltende, wie etwa Lehrende an Hochschulen, an. Das Werk ist eine dichte Zusammenfassung aus früheren Schriften der beiden Autoren.

Das schmale Büchlein bietet eine gehaltvolle und erhellende Lektüre mit zahlreichen wertvollen Impulsen, (betriebliche) Aus- und Weiterbildung im Sinne der Kompetenzentwicklung zu gestalten und die jetzt schon bestehenden Potentiale besser zu nutzen, um langfristig den anvisierten Paradigmenwechsel im Lernen und Lehren Rechnung zu tragen. Etwas zu kurz kommen dabei meiner Meinung nach die Entwicklungen im Bereich Augmented Reality (bzw. Virtual Reality), die jetzt schon eine wichtige Rolle in den Lern- und Arbeitsprozessen der Industrie 4.0 spielen können. Zudem fehlt es an einer kritischer Positionierung zu der skizzierten „unumkehrbaren“ Entwicklungslinie: „Der Mensch wird zum begrenzenden Faktor informationeller Systeme“ heißt es beispielsweise nüchtern auf S. 11. Diese Entwicklung lässt sich aber auch kritisch auffassen: Das prometheische Gefälle (Günther Anders) zwischen Maschine und Mensch wächst weiter, bis hin zu dem Punkt, wo der Mensch endgültig zum Knecht und Abhängigen seiner Schöpfung geworden ist – Genesis lässt grüßen. Vielleicht ist der Judgement-Day doch schon längst angebrochen, wenngleich in anderer Form als bei Terminator.