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Klaus Zierer: Lernen 4.0: Pädagogik vor Technik. Möglichkeiten und Grenzen einer Digitalisierung im Bildungsbereich

Rezensent:

Dirk Jahn, FBZHL

Originalliteratur:

Zierer; Klaus. Lernen 4.0: Pädagogik vor Technik. Möglichkeiten und Grenzen einer Digitalisierung im Bildungsbereich. 2. Erweiterte Auflage. Baltmannsweiler (Schneider Verlag Hohengehren) 2018, ISBN 978-3-8340-1860-1, 121 Seiten, EUR 13,50.

Quelle der Rezension:
Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning. 78. Erg.-Lfg. Dezember 2018 www.personalwirtschaft.de/elearning


E-Learning war gestern und wurde bereits für tot erklärt. Die Heilsversprechen für die Bildungsrevolution sollen nun durch die Digitalisierung eingelöst werden, glaubt man den vielen Initiativen, Programmen, Offensiven, Dossiers und Projekten, die das digitale Lernen und Lehren im Bildungsbereich vorantreiben sollen. Und auch lernen einfach so war gestern. Denn mit der Digitalisierung soll ein Lernen 4.0 ermöglicht werden, analog zu Industrialisierung 4.0: hochgradig vernetzt, kreativ, problemorientiert, flexibel, effizient und spielerisch.

Halten die neuen digitalen Technologien und Methoden aber auch das, was viele ihrer Befürworter*innen versprechen und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen? Welche Möglichkeiten und Grenzen hat die Digitalisierung im Bildungsbereich?

Der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer nimmt sich diesen relevanten Fragen in seinem neuen Buch an und versucht aus der Perspektive der empirischen Bildungsforschung und auch aus bildungstheoretischer und pädagogischer Sicht klare Antworten zu finden. Im Hinblick auf die Relevanz der Themenstellung ist das Buch folglich für einen sehr breiten Leser*innenkreis von Interesse, angefangen bei den Bildungspraktiker*innen oder solchen, die es werden wollen, bis hin zu Entscheidungsträger*innen.

Nach einer Einführung in die Digitalisierung, deren Chancen und Schattenseiten, und nach einer anschließenden Auseinandersetzung mit dem klassischen Bildungsbegriff im Zeitalter der Digitalisierung wartet Klaus Zierer mit harten empirischen Daten auf, um den Lernerfolg mit digitalen Medien zu prüfen. Dafür bezieht er sich vor allem auf den größten Datensatz, den die empirische Bildungsforschung jemals hervorgebracht hat: John Hatties ausufernde Synthese von Metaanalysen, besser bekannt als „Visible Learning“. Herr Zierer hat dieses Werk mit ins Deutsche übersetzt. Fast alle Metastudien, die jemals im angelsächsischen Bildungsbereich verfasst wurden, sind darin eingeflossen. Wichtigste Kennzahl als Gradmesser für die lernförderliche Wirksamkeit eines Mediums bzw. Methode ist in der Logik der Metaanalysen die sogenannte Effektstärke, die vereinfachend gesprochen darüber Auskunft gibt, wie sich die jeweils untersuchte Intervention bzw. das untersuchte Merkmal im Vergleich zu anderen Einflussfaktoren auf die Lernleistung auswirkt. Ergebnis: Eine große Anzahl von unterschiedlichen Formen des Lernens mit digitalen Medien weisen einen sehr bescheidenen Einfluss auf den Lernerfolg auf, unabhängig vom Alter der Lernenden oder der (Hoch-)Schulform. Beispielsweise erreichen Laptop-Einzelnutzung, der Einsatz von Clickern oder webbasiertes Lernen nur sehr geringe Werte (Prädikat: „wirkt kaum“ bzw. „wirkt wenig“). Es gibt insgesamt zudem nur sehr wenige digitale Glanzlichter, wie z. B. der Einsatz interaktiver Lernvideos oder Digitalisierung bei besonderem Förderbedarf, denen eine hohe lernförderliche Wirkung bescheinigt werden kann. Das hat aber auch damit zu tun, dass viele Lehrpersonen nicht über die benötigte Medienkompetenz verfügen, die Technologien didaktisch sinnvoll einzusetzen. Häufig werden alte Medien einfach durch die neuen ersetzt, ohne aber die spezifischen Potentiale der neuen Technologie didaktisch zu nutzen (z. B. Smartboard ersetzt Tafel).

Klaus Zierer diskutiert diese ernüchternden Ergebnisse kritisch und ordnet sie mit didaktischem Sachverstand ein: Kein Medium führt per se zum Lernen. Es sind stimmig geplante, gestaltete, an den konkret vorliegenden Bedingungen ausgerichtete Lehr-Lernsituationen von und mit Menschen aus Fleisch und Blut, die den Lernerfolg maßgebend beeinflussen. Dabei kann die Digitalisierung eine wichtige Rolle spielen. Sie muss es aber nicht zwingend. Das gegeneinander ausspielen von traditionellen und digitalen Medien ist jedenfalls nicht zielführend. Der Autor erörtert im Folgenden, was sein Credo „Pädagogik vor Technik“ genau meint: Nicht mehr Apps, Tools und Gadgets sind für erfolgreiche Bildung notwendig, sondern engagierte, kompetente Lehrpersonen, die pädagogisch-didaktisch denken und handeln können und dies auch leidenschaftlich tun.

Das schmale und gut lesbare Buch leistet dafür einen Beitrag. Es ist eine gelungene Einführung in diese Art des Denkens für einen aufgeklärten Umgang mit den Heilsversprechen der Digitalisierung.