Rezensentin:

Ramona Zacherl, FBZHL

Originalliteratur:

Paula Bleckmann & Ralf Lankau (Hrsg.): Digitale Medien und Unterricht: Eine Kontroverse. Weinheim, Beltz 2019, ISBN 978-3407258144, 183 Seiten, EUR 29,95.

Quelle der Rezension:
Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning. 83. Erg.-Lfg. 2019 www.personalwirtschaft.de/elearning


Medien im weiteren Sinne sind schon nahezu immer fester Bestandteil der Unterrichtspraxis. Neue Medien vereinen jedoch sowohl im schulischen als auch im privaten Gebrauch vielfältige Risiken und Chancen in sich, die es vor ihrem Einsatz gründlich abzuwägen gilt. Die Computerspielsuchtexpertin und Professorin für Medienpädagogik Paula Bleckmann und der Grafiker und Professor für Mediengestaltung Ralf Lankau greifen in ihrer Veröffentlichung diese Debatte auf. Ziel soll es sein, die bezüglich der Digitalisierung der Bildung kontroversen Meinungen in einer gemeinsamen und durchaus kritischen Publikation zusammenzuführen und einen Diskurs zwischen all jenen Akteur*innen zu ermöglichen, denen das Wohl der Kinder und Jugendlichen am Herzen liegt. Leser*innen, die das gesunde Aufwachsen der nachfolgenden Generationen gestalten wollen – sei es privat oder beruflich motiviert – erhalten umfassende Einblicke in beispielweise gesundheitliche, juristische und kognitive Gefahren der unreflektierten Mediennutzung im Kindesalter.

Von den 13, vorwiegend aus den Gesundheitswissenschaften und der Pädagogik stammenden, Beiträgen des Sammelbands basieren neun auf Vorträgen, die im Rahmen der Fachtagung „futur iii 2018 – Bildschirmmedien und Kinder“ gehalten wurden. Zusätzlich sind von der Initiative „Eltern für eine gute Schule“ gesammelte Statements eingestreut, die Schüler*innen, Lehrkräften und Eltern die Frage stellte „Wie haltet ihr es mit dem Handy, ohne dass es zu sehr euren Alltag bestimmt?“. Auszüge aus den Antworten der Befragten runden das insgesamt wissenschaftlich-theoretische Werke durch diese sehr persönlichen Einblicke in praktische Erfahrungen, Herausforderungen und Aha-Erlebnisse stimmig ab.

Detaillierter soll in dieser Rezension auf die von den Herausgebern selbst verfassten Beiträge eingegangen werden, da ihre Argumente ebenso auf andere Kontexte, wie z.B. Hochschulen übertragen werden können. Zimmer, Bleckmann und Pemberger bemängeln, dass das Chancen-Risiken-Management digitaler Medien zunehmend in die Verantwortung der Individuen verschoben wird, anstatt beispielsweise systemische und strukturelle Faktoren stärker in den Blick zu nehmen. Jede/r Einzelne solle die sich aus der Digitalisierung ergebenen Chancen nutzen und zugleich damit einhergehende Risiken vermeiden. Die Autorinnen plädieren generell für den Einsatz von Verfahren zur Technikfolgenabschätzung, die es u.a. aufgrund der Berücksichtigung ethischer Aspekte und ihrer transdisziplinären Ausrichtung erlauben, wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen abzuleiten. So sollen die teils widersprüchlichen Interessen der Medienkompetenzförderung und Mediensuchtprävention miteinander versöhnt werden.

Ralf Lankau diskutiert die Idee des Bildungscontrollings, also der Prozesssteuerung von Lernprozessen. Er kritisiert die Vorstellung, dass Lernprozesse mithilfe von Planung, Koordination und Kontrolle kleinteilig vermessen und optimiert werden sollen. Er erinnert an die seit Jahrhunderten geführte Diskussion darüber, welche Funktion die Institution Schule eigentlich erfüllen soll und zeigt, dass im Grunde noch immer keine eindeutige Antwort darauf gefunden wurde. Denn die Polarität von Emanzipation und Utilitarismus – ergänzt durch heutige Begrifflichkeiten wie Employability oder WiMINT (Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) – kann ohne Weiteres auf aktuelle bildungspolitische Fragestellungen übertragen werden. Die verwendeten Medientechniken variieren zwar, doch der originäre Gegensatz bleibt bestehen. Lankau schließt unter anderem mit der didaktischen Forderung Bildungspläne, Unterrichtskonzeptionen und Medieneinsatz vom Menschen, ihren Lernprozessen und den konkreten Fächern her zu entwickeln. Sowohl analoge als auch digitale Medien und Methoden sollen dabei lediglich Hilfsmittel sein, statt zum Selbstweck stilisiert zu werden.