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Hartmut Barthelmeß: E-Learning – bejubelt und verteufelt.

Rezensent: Dirk Jahn

Orignalliteratur: Barthelmeß, Hartmut: E-Learning – bejubelt und verteufelt. Lernen mit digitalen Medien, eine Orientierungshilfe. Bielefeld (Bertelsmann) 2015, ISBN 978-3763955046, 144 Seiten, EUR 34,90.

Quelle der Rezension: Wilbers, K. (Hrsg.): Handbuch E-Learning. www.personalwirtschaft.de/elearning


Die Geschichte des E-Learnings: Zuerst kam der euphorische Jubel, die Vision einer neuen Lehr-Lern-Epoche, dann trat aber mit der Zeit Ernüchterung ein. Die Revolution des flexiblen, individuellen, selbstgesteuerten, computergestützten und kompetenzorientierten Lernens sei bisher ausgeblieben, auch wenn sich vereinzelt neue, innovative Entwicklungen beim Lehren und Lernen aufgetan haben. E-Learning wurde insgesamt nicht nachhaltig genug in die Praxis implementiert, heißt es. Es leiste zwar in vielen Bildungsinstitutionen eine Ergänzung und Anreicherung des Lehralltags, jedoch werde das enorme Innovationspotential nicht weit genug ausgeschöpft.

Der Informatiker und E-Learning-Experte Hartmut Barthelmeß geht deshalb der Entwicklung des E-Learnings auf die Spur und möchte aufzeigen, wie es in Bildungsinstitutionen eingesetzt werden sollte, um den anvisierten Kompetenzerwerb tatsächlich zu verwirklichen und den durch gesellschaftliche Entwicklungen gesetzten Anforderungen zu begegnen. Zielgruppe des Buches sind somit Lehrende und Bildungsverantwortliche aus unterschiedlichen Bereichen, vor allem aber jene aus der Hochschule und Schule.

Nach einer kurzen Einleitung stellt Barthelmeß den Status Quo des computergestützten Lernens an den unterschiedlichen Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen dar. Als treibende, unermüdliche Motoren gesellschaftlicher Entwicklungen identifiziert der Autor die Globalisierung und Digitalisierung. Für die Herausforderungen, vor die sie uns stellen, müssen in der Bildung, Ausbildung und Weiterbildung geeignete Konzepte gefunden werden, um das Potential nicht zu verspielen und am globalen Markt der Ökonomie, des Wissens und des Fortschritts nicht abgehängt zu werden, so die Schlussfolgerung. Besonders gut schneiden seiner Ansicht nach dabei die Unternehmen ab, unter anderem deswegen, weil dort relevantes Wissen in Handlungskontexte durch E-Learning implementiert wird und beim Lösen von Problemen on the job angewendet wird. E-Learning ist dort als fester Bestandteil in Lernprozesse einbezogen. Schulen und vor allem Hochschulen aber unterstellt der Autor Rückständigkeit und Versagen darin, wenn es um die Förderung von relevanten Kompetenzen und der nachhaltigen, effizienten Integration von E-Learning geht. Theoretisch wie auch praktisch schließt Barthelmeß deshalb in den folgenden Kapiteln auf, wie es seiner Ansicht laufen müsste, um der dortigen E-Misere zu begegnen. Schlüssel dazu sind z. B. die stimmige Entwicklung von E-Learning-Konzepten, die Berücksichtigung des lernenden Individuums in all dessen Unterschiedlichkeit (Stichwort: Adaption und Adaptierbarkeit) oder aber auch die Eigenheiten zwischenmenschlicher Kommunikation, die es bei beim E-Learning explizit zu bedenken gibt. Als weiterer »Erfolgsfaktor« werden das Entstehen von Wissen und die dabei benötigte Partizipation der Lernenden beim »Wissensreproduktionszyklus« behandelt. Dafür braucht es eine geschickte Integration der digitalen Medien und zudem innovative Lehr-/Lernformen, wie etwa das problembasierte, projektorientierte oder forschende Lernen. Darüber hinaus bespricht der Autor die Wichtigkeit digitaler Bildungsinfrastrukturen, die es für wirksames E-Learning benötigt oder auch das Management von E-Learning-Projekten, das es für nachhaltige Veränderungsprozesse in Bildungsorganisationen bedarf.

Das Buch liefert viele interessante und relevante Überlegungen und Anregungen auf unterschiedlichen Ebenen, wie E-Learning wirksam und effizient in Bildungsorganisationen eingebaut und gestaltet werden sollte, um das Lehren und Lernen im Hinblick auf die Kompetenzorientierung zu verbessern. Insbesondere den Hochschulen weist der Autor dabei den Weg. Trotz der insgesamt kompetenten Aufbereitung des Themas wirkt der Blickwinkel aber aus bildungstheoretischer Hinsicht etwas verengt und funktionalistisch. Ob das, was traditionell unter dem Begriff „Bildung“ gefasst war, sich schlicht in Kompetenzen auflösen lässt, die als „Output“ am Ende eines eher technisch verstandenen Lernprozesses stehen sollen, ist in der aktuellen Bildungsdiskussion umstritten. Schon im Bildungsauftrag der Universitäten ist die politische Teilhabe als Bürger erklärtes Bildungsziel. Darüber hinaus haben kürzlich gewichtige Stimmen, wie die von Paul Konrad Liessmann (siehe z. B. das Buch „Geisterstunde“) in überzeugender Weise dafür argumentiert, dass die Förderung von ästhetischen Erfahrungen, der ethischen Urteilsfähigkeit oder des kritischen Denkens alles andere als bloße Sozialromantik darstellen, sondern für ein freies und selbstbestimmtes Leben essenziell sind. Dieser Aspekt muss bei allen Verdiensten doch als blinder Fleck des Buches angesehen werden.