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Andreas Neider: Aufmerksamkeitsdefizite: Wie das Internet unser Bewusstsein korrumpiert und was wir dagegen tun können.

Rezensentin: Ramona Rappe, FBZHL

Originalliteratur:

Andreas Neider: Aufmerksamkeitsdefizite. Wie das Internet unser Bewusstsein korrumpiert und was wir dagegen tun können. Stuttgart, Verlag Freies Geistesleben 2013, ISBN 978-37725-2485-1 , 234 Seiten, EUR 22,00.

Quelle der Rezension:
Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning. 62. Erg.-Lfg. April 2016 www.personalwirtschaft.de/elearning


Eigentlich möchte man nur schnell seine E-Mails abrufen oder einen kurzen Blick auf die Neuigkeiten bei Facebook werfen und schon verstreicht Stunde um Stunde, da immer wieder neue Links und Inhalte um unsere Aufmerksamkeit ringen und uns in ihren Bann ziehen. Das Internet präsentiert sich zunehmend als Raum der unbegrenzten Möglichkeiten, sei es in Bezug auf Informationsbeschaffung, Selbstdarstellung oder Bedürfnisbefriedigung – Zeit spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Doch wie gelingt es uns trotz Medienkonsum, die Kontrolle über unser Bewusstsein zu behalten, d.h. den Bezug zu Realität und Zeitgefühl nicht zu verlieren und uns den omnipräsenten Versuchen zur Zerstreuung der Aufmerksamkeit zu widersetzen?

„Man muss sich den digitalen Medien als Herr gegenüberstellen, sonst gerät man unter ihre Knechtschaft“ (S.12)! Dies ist die Antwort und zugleich zentrale These von Andreas Neider, der an erster Stelle Erwachsene zur Selbstdisziplin mahnt, um Kindern und Jugendlichen als Vorbild für einen „hygienischen Umgang“ (S.12) mit digitalen Medien dienen zu können. Ausgehend von der philosophischen Leib-Seele-Problematik und unter primärer Bezugnahme auf die von Rudolf Steiner begründete anthroposophische Weltanschauung, skizziert der Autor den Einfluss digitaler Medien auf menschliche Kommunikation, Bildungsprozesse und die Individualitäts- und Identitätsentwicklung. Neben der Sucht nach Informationen und Aufmerksamkeit werden dabei auch Phänomene, wie die durch die permanente Verfügbarkeit von Wissen hervorgerufene digitale Demenz oder die durch die zunehmende Beschleunigung unserer Bewusstseins- und Informationsprozesse bedingte „Taylorisierung des seelischen Erlebens“ (S. 28) thematisiert. Ziel der Argumentation und der zahlreichen Tipps ist es vor allem, die Leser nicht nur zur Medienkompetenz, d.h. zum geschickten Gebrauch von Medien zu befähigen, sondern darüber hinaus ein Bewusstsein für die Manipulationen des Internets zu schaffen und so das dem Medienzeitalter zugrundeliegende Welt- und Menschenbild hinterfragen zu können.

Der Referent für Medienpädagogik und digitale Medien Andreas Neider warnt jedoch nicht nur, er zeigt ebenso einen durch Medienbalance geebneten Weg vom passiven, den Verlockungen des Internets unterworfenen Konsumenten hin zum souveränen Individuum. Die speziell für Kinder und Jugendliche angedachten Tipps, wie z.B. der Verzicht auf Mediennutzung im Rahmen des „Internet-Fastens“ sind sicherlich wertvoll, jedoch im Hinblick auf die immer stärkere Digitalisierung von Alltag, Schule und Beruf vermutlich nur schwer umsetzbar. Einerseits sind viele wichtige Informationen mittlerweile nur noch online verfügbar, andererseits besteht auch das Risiko den Anschluss zu der für Jugendliche besonders wichtigen Peergroup zu verlieren, wenn sie längere Zeit von der elektronischen Kommunikation abgetrennt werden.

Personalverantwortliche in Unternehmen und Hochschullehrende zählen nicht unbedingt zu den Adressaten dieses medienpädagogischen Ratgebers, dementsprechend beinhaltet er auch keine Gestaltungsmöglichkeiten für deren berufliche Praxis. Aufgrund der starken Fokussierung auf Kinder und Jugendliche eignet das Buch sich somit eher für Lehrerinnen und Lehrer, die im Bereich der Mediennutzung eine Vorbildfunktion einnehmen möchten und Anregungen zur kritischen Selbstreflexion suchen. Aber auch all jene Leser, die sich für die biologischen Grundlagen und physikalischen Prozesse im Zuge der Gedächtnis- bzw. Fähigkeitenentwicklung interessieren und dabei auch vor teils esoterischen Lehren nicht zurückschrecken, werden Gefallen an dieser Lektüre finden.