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Marius Harring, Matthias D. Witte & Timo Burger (Hrsg.): Handbuch informelles Lernen. Interdisziplinäre und internationale Perspektiven.

Wissen Sie, wie man einen Englischen Krawattenknoten bindet? Welches Meer an Kasachstan grenzt? Oder wie Sie mehr Speicherplatz in Ihren Computer einbauen? Möchten Sie den Fragen auf den Grund gehen, werden Sie wahrscheinlich eine Suchmaschine, YouTube, Wikipedia oder ein Internetforum konsultieren – und so selbständig Antworten finden. Durch informelle Lernprozesse – ohne institutionalisierten Lehrplan, Prüfungen oder Zeugnisse – erweitern Menschen ihre Kompetenzen: zum Beispiel durch Medien, innerhalb der Familie, dem Ehrenamt und mit Peers.

Im Zuge der Diskussion um lebenslanges und ganzheitliches Lernen hat non-formales Lernen in Deutschland nach einem Schattendasein bis in die 2000er Aufschwung erfahren. Gerade aufgrund der begrifflichen Unschärfe, dem Problem der empirischen Überprüfbarkeit oder der Frage nach der Zertifizierung und Anerkennung ist es wichtig, das Potential von informellem Lernen in verschiedenen Kontexten herauszustellen und theoretische sowie forschungsmethodische Zugänge zu diskutieren. Das „Handbuch informelles Lernen. Interdisziplinäre und internationale Perspektiven“ fasst Stimmen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland zum Thema zusammen. Sie gehen der Frage nach, wie das Konzept des informellen Lernens in Bezug auf Akteure, Institutionen, Freizeit, Lernumgebungen und Alter systematisiert werden kann.

Nach einer Einführung der Herausgebenden Prof. Dr. Marius Harring (Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik und Jugendforschung), Prof. Dr. Matthias D. Witte (Leiter des Instituts für Erziehungswissenschaft) und Timo Burger (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft), allesamt an der Universität Mainz tätig, gliedert sich das Handbuch in sieben Teile, denen jeweils mehrere Aufsätze folgen: Ein definitorischer Zugang, der den Begriff des informellen Lernens schärfen und historisch herleiten soll, erfolgt im ersten Teil. Der anschließende theoretische Zugang schafft Verbindungen und Differenzen zu anderen erziehungswissenschaftlichen, soziologischen und psychologischen Diskursen. Teil drei blickt über den deutschen Tellerrand hinaus und widmet sich aus internationaler Perspektiven, von Australien über Bangladesch bis Schweden, dem Thema. Non-formale Lernprozesse in verschiedenen Altersphasen, von der Kindheit bis ins Alter, greift Teil vier des Handbuchs heraus. Der umfangreiche fünfte Teil diskutiert ausgewählte gesellschaftliche und themenspezifische Aspekte, wie informelles Lernen in Beruf, durch digitale Medien, Netzwerke, Konsum oder Globalisierung. In Anschluss daran werden Potentiale und Grenzen unterschiedlicher forschungsmethodische Zugänge thematisiert. Der siebte Teil gibt Ausblicke auf zukünftige Entwicklungen und zeigt Desiderata, die bei künftigen Forschungsprojekten zu berücksichtigen wären.

Der Frage nach non-formalen Lernprozessen und digitalen Medien geht explizit nur Stefan Iske (Professor am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung der Universität Frankfurt) im Teil fünf nach. Er formuliert allgemeine Bezüge zwischen den Bereichen und sieht MOOCS oder „informal learning comminities“, wie YouTube oder Wikipedia, als Idealtypus informellen Lernens.

Insgesamt überzeugt das Handbuch mit einer erstklassigen internationalen Autorenschaft: der Großteil sind Professorinnen und Professoren der Erziehungs- und Sozialwissenschaften sowie der Psychologie. Das Thema informelles Lernen wird umfassend in seiner Breite dargestellt und legt den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs dar. Insofern kommen in erster Linie theoretisch Interessierte und Forschende bei der Lektüre auf ihre Kosten. Praxistipps finden sich im Handbuch kaum, allerdings können an Wissenschaft interessierte Personalentwickler, (Hochschul-)Didaktiker und Ausbilder dafür sensibilisiert werden, informell erworbene Kompetenzen stärker zu würdigen und zu validieren – wie es übrigens von der Europäischen Kommission bereits 2012 empfohlen wurde.

 

Rezensentin: Alessandra Kenner, FBZHL
Originalliteratur: Harring, Marius; Witte, Matthias D.; Burger, Timo: Handbuch informelles Lernen. Interdisziplinäre und internationale Perspektiven. Beltz Juventa 2016, ISBN 3779932954 , 830 Seiten, EUR 68,00.
Quelle: Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning. 63. Erg.-Lfg. Juni 2016, www.personalwirtschaft.de/elearning